15. November 2019 | Predigt Handout

Überquellend und außergewöhnlich

„Christ ist, wer der Liebe Gottes glauben kann.“ (Franz Kamphaus: Wenn der Glaube konkret wird. Die Bergpredigt. S. 14) Was passiert eigentlich, wenn ich der Liebe Gottes wirklich glaube? Was ändert sich dann?

Jesus hat verschiedentlich längere Reden gehalten. Eine davon ist bekannt geworden als Bergpredigt, weil Jesus sie auf einem Berg gehalten hat. Matthäus berichtet davon. Lukas hat die gleiche oder eine ähnliche Rede aus seiner Sicht berichtet.

27 »Aber euch, die ihr mir zuhört, sage ich: Liebt eure Feinde. Tut denen Gutes, die euch hassen. 28 Segnet die, die euch verfluchen. Betet für die, die euch beschimpfen. 29 Schlägt dich einer auf die Backe, halte ihm auch die andere Backe hin. Und nimmt dir einer den Mantel weg, überlasse ihm auch das Hemd. 30 Gib jedem das, worum er dich bittet. Und wenn dir jemand etwas wegnimmt, das dir gehört, dann fordere es nicht zurück. 31 Genau so, wie ihr behandelt werden wollt, behandelt auch die anderen. 32 Wenn ihr nur die liebt, die euch auch lieben: Welchen besonderen Dank erwartet ihr da von Gott? Sogar die Menschen, die voller Schuld sind, lieben ja die, von denen sie geliebt werden. 33 Wenn ihr nur denen Gutes tut, die euch Gutes tun: Welchen besonderen Dank erwartet ihr da von Gott? Sogar die Menschen, die voller Schuld sind, handeln so. 34 Wenn ihr nur denen etwas leiht, von denen ihr es wieder zurückerwarten könnt: Welchen besonderen Dank erwartet ihr da von Gott? Sogar die Menschen, die voller Schuld sind, leihen sich gegenseitig Dinge, die sie später zurückbekommen. 35 Nein! Liebt eure Feinde. Tut Gutes und verleiht, ohne etwas dafür zu erhoffen. Dann werdet ihr großen Lohn erhalten und Kinder des Höchsten sein. Denn Gott selbst ist gut zu den undankbaren und schlechten Menschen.« 36 »Seid barmherzig, so wie euer Vater barmherzig ist. 37 Ihr sollt andere nicht verurteilen, dann wird auch Gott euch nicht verurteilen. Sitzt über niemand zu Gericht, dann wird Gott auch über euch nicht zu Gericht sitzen. Vergebt anderen, dann wird Gott auch euch vergeben. 38 Schenkt, dann wird Gott auch euch beschenken: Ein reichliches Maß wird euch in den Schoß geschüttet – festgedrückt, geschüttelt und voll bis an den Rand. Denn derselbe Maßstab, den ihr an andere anlegt, wird auch für euch gelten.« (Lukas 6)

Der letzte Vers ist das Ziel: Ein reichliches Maß. Gestopft, gerüttelt und überquellend eingefüllt. Großzügig. Das hat Jesus für dich im Blick. Anderen dieses Maß gönnen und es selbst empfangen. Das ist befreiend.

Ich versuche zu verstehen, wo ich klein anfangen kann um in kleinen Schritten zu tun, was Jesus meint. Jesus kann doch unmöglich meinen, dass ich mich schlagen lasse und mich nie wehre. So extrem kann Jesus das doch nicht gemeint haben!? Ich bin geneigt, „normaler“ zu machen was Jesus sagt, menschlicher, leichter. Ich merke aber auch, dass Jesu Anliegen damit weniger wird, nicht mehr so faszinierend, langweiliger.

Wenn Jesus meint, dass ich den Feind lieben soll, dann meint er mit Feind den Feind und mit Liebe auch Liebe. Und er sagt wirklich, dass ich die andere Backe dem hinhalten soll, der mich gerade auf die eine geschlagen hat. Aber: Das geht nicht. Das überfordert mich total. Das macht mich krank. Das halte ich überhaupt nicht aus.

Jesus redet nicht über das, was gewöhnlich ist. Jesus redet über das Ungewöhnliche, über das Sonderliche, über das, was nicht regulär ist. „Wo dies Sonderliche, Außerordentliche nicht ist, da ist das Christliche nicht.“ (Bonhoeffer: Der Feind. https://www.evangelischer-glaube.de/bonhoeffer-nachfolge/bonhoeffer-der-feind/)

Das Christliche geschieht nicht in dem, was wir natürlich tun, sondern indem es aus dem Natürlichen heraus tritt. Was Jesus meint, überschreitet unsere Begrenzungen.

Jesus kommt und bringt in unsere Grenzen etwas, was jenseits liegt und was dich befreit. Das Ungewöhnliche des Christlichen ist, dass Gott sich nicht gegen die Welt wehrt indem er sie zurechtstutzt, zurückzahlt, sondern leidet, sich kreuzigen lässt, liebt. Das Kreuz steht für das Ungewöhnliche.

Wir erreichen das Christliche nicht, indem wir ganz strenge Regeln entwerfen oder indem wir rigoros werden. Das bleibt gewöhnlich, menschlich – wenn auch besonders streng. Wir suchen das Außergewöhnliche.

1 Zuhörende und nicht Zuhörende

Aber euch, die ihr mir zuhört, sage ich: Liebt eure Feinde. (Vers 27)

Mit dem Zuhören beginnt das Außergewöhnliche. Das Christliche. Wenn ich nicht zuhöre, habe ich mit Jesus nichts zu tun. Dann höre ich vielleicht ein paar Worte, aber sie sind nicht mit dem verbunden, der sie sagt. Wenn ich Jesus zuhöre, dann bleibe ich nicht bei meinen eigenen Ideen und Möglichkeiten.

Wer zuhört der merkt: Da sagt Jesus ja auch etwas über sich selbst.

Und: Es gibt auch in dir das, was feindlich ist, was dich selbst kaputt macht. Da gibt es das, was andere verletzt. Taten mit denen du andere versuchst zu zwingen. Jesus sagt: Ich bringe Liebe in diese feindlichen Anteile hinein.

2 Feind

Wir reden in unserer Gesellschaft kaum von Feinden. Das passt nicht zu unserem Mindset. Es gehört sich nicht. Feind klingt so absolut, unverbesserlich. Feind ist zu schwarz-weiß. Vielleicht ist jemand blöd drauf oder mein Gegner – aber Feind?

Als Jesus von Feinden geredet hatte, hatte jeder sofort Feinde im Blick. Die waren nämlich im Land und hatten es besetzt. Außerdem galten die als Feinde, die nicht die Gebote Gottes hielten. Von denen hatte man sich abzugrenzen oder sogar umzubringen. Das war das, was das Gesetz sagte. Jesus sagt aber: Ihr sollte eure Feinde nicht vertreiben, sondern lieben. Auch, wenn sie sich nicht ändern.

Jesus meint hier aber nicht nur mich persönlich: Ich muss meine Feinde lieben. Sondern Jesus sagt uns auch: Liebt als Gemeinschaft. Grenzt euch nicht ab, sondern liebt. Selbst wenn sie euch schlagen.

Jesus geht ans Kreuz für Menschen, die ihm Feind sind. Jesus liebt den Menschen, der ihm den Nagel durch die Nerven treibt. Das Symbol in der Mitte des Christlichen ist das Kreuz. Das „für dich“.

Jesus erklärt wie jemand reagiert, der über sich hinaus geht. Er zeigt die Welt eines Geliebten, erfüllten, beschenkten Menschen, der vertraut. Wenn du der Liebe Gottes glaubst, dann zerstört der Feind deine Liebe nicht.

Die außergewöhnliche Liebe schließt ein, dass man etwas verliert. Man bekommt etwas zugefügt. Das geht nur, wenn ich eine außergewöhnliche Liebe gefunden und eine außergewöhnliche Vision habe.

Jesus bringt uns nicht das Gewöhnliche, sondern das Vollkommene. Wärst du gerne vollkommen? Vollkommen schön, vollkommen zufrieden, vollkommen ehrlich, vollkommen authentisch, vollkommen zuverlässig?

3 Die unmögliche Umsetzung

Ein komischer Tipp ist: „Werde unabhängig von Menschen. Wenn du dich von Jesus geliebt weißt, dann wirst du unabhängiger davon, ob Menschen dich gut finden.“

Wir werden aber nie unabhängig von Menschen. Wir sind davon abhängig, Gemeinschaft zu haben. Das ist ja gerade die Not. Jesus sagt auch nicht, dass wir uns unabhängig machen sollen, sondern einlassen – trotzdem. Kapsel dich nicht innerlich ab. Sondern versuche trotzdem wieder den Menschen zu sehen und bringe Gutes.

Sei nicht feige. Benenn Feinde als Feinde.

Jesus bringt eine Vision. Das Unmögliche tun. Lieben. Er bringt sich selbst. Ich kann unmöglich das fünf-Schritte-Programm bringen: So liebst du deine Feinde. Dann würde ich erklären, wie man vollkommen wird.

Es geht anders: Die Vision im Blick behalten. Jesus zuhören. Der Liebe Gottes glauben. Für mich. Für andere. Nicht aufhören, das Außergewöhnliche suchen, das über alle Maßen gnädige, das Vollkommene.

Bei dir. Bei deinen Feinden.