24. Januar 2020 | Predigt Handout

Grenzerfahrung Bosheit

Ich glaube, Grenzen zeigen uns, wo wir noch Wachstumspotential haben. Grenzen können gut sein. Sie bilden unseren Lebensraum. Sie können aber auch zeigen, wo wir dazulernen sollten.

Keiner ist auf die Idee gekommen, das ganze Leben im Bett liegen zu bleiben. Niemand musste uns zwingen, laufen zu lernen. Wir wollen das. So kommen wir in jedem Alter an neue Grenzen, an Herausforderungen, bei denen wir vorher nicht wissen, wie wir die meistern sollen.

Eine der Grenzerfahrungen ist es, auf Bosheit zu stoßen.

Bosheit macht uns schnell hoffnungslos. Was soll man dagegen tun? Ich will mich selbst nicht gefährden und Bosheit macht Angst. Genauso haben Nazis im dritten Reich gearbeitet: Mit Bosheit einschüchtern.

Bosheit geht über allgemeingültige Grenzen. Da wo wir uns schämen, zurückweichen, Moralvorstellungen haben, da geht die Bosheit einfach weiter und schlägt zu.

Bosheit ist eine Grenzerfahrung, die uns lähmen kann. Sie raubt Hoffnung. Man hat nichts dagegen zu setzen, außer man greift zu den gleichen Mitteln.

Darum geht es heute: Wir stoßen auf Bosheit, die nicht uns gilt, aber in unserem Umkreis auftritt.

1Kennzeichen von Bosheit

Eli selbst war ein gottesfürchtiger Mensch. Aber seine Söhne nicht.

„Aber die Söhne Elis waren ruchlos.“ (1. Samuel 2)

Sie nehmen sich, was sie wollen. Bei den Opfern kommen sie mit einer großen Fleischgabel und stechen zu. Wenn sich jemand wehrt, drohen sie mit Gewalt. Sie pfeifen auf das, was ihr Vater ihnen sagt und schlafen immer wieder mit den Frauen, die dort am Heiligen Zelt dienten.

Die beiden Brüder, Hapeni und Pinhas, gehen über Grenzen.

In unserem Bibeltext tauchen interessante Kennzeichen von Bosheit auf.

  1. Eine „Gib-mir-jetzt-Mentalität“. Manchmal versuchen Besucher des Heiligen Zeltes Hapeni und Pinhas zu beruhigen. Aber die Antwort ist eindeutig: Gib mir jetzt!

    Bosheit nimmt keine Rücksicht. Sie will nicht warten. Sie will nicht Regeln beachten. Sie kann sich nicht zurücknehmen. Sie stößt beiseite was sie aufhält und will jetzt.

  2. Ein Besucher versucht sich zu wehren, aber der Priestergehilfe ist zur Stelle und sagt: »Sofort gibst du es her, sonst nehme ich es mit Gewalt!« (Vers 16) Bosheit schreckt vor Gewalt nicht zurück.
  3. Pinhas und Hapeni treten gar nicht direkt in Erscheinung. Ein Gehilfe führt ihre Bosheit aus. Bosheit benutzt andere, findet Mitstreiter.
  4. Das vierte Kennzeichen ist die sexuelle Ausschweifung. Sexualität ist deshalb interessant, weil sie einen Menschen in der Tiefe betrifft. Sexualität hat etwas mit unserer Identität und mit unserer Seele zu tun. Deshalb kann man über Sexualität einen Menschen besonders tief treffen.
  5. Die beiden Söhne achten auf keine Worte. Weder gut gemeinte von ihrem Vater, noch auf die Ideen der Besucher, noch auf Gesetz und Recht. Sie ignorieren sie alle. Bosheit pfeift auf solche Grenzen.

Wo hast du es mit Bosheit zu tun?

2Der Vorwurf

Wie geht Jesus mit Bosheit um? Auch er redet darüber. Zum Beispiel in einem Gleichnis: Gott sät und es wächst etwas Gutes. Aber ein Feind sät Unkraut und anschließend ist das Weizenfeld mit Unkraut übersät – gemeint sind Menschen, die auf Bosheit bauen.

Wenn ich das richtig sehe, rät Jesus uns nicht uns von vermeintlich bösen Menschen zu trennen. Das geht überhaupt nicht. Stattdessen sollen wir auf unser eigenes Herz achten und uns auf Gott verlassen. Im Umgang mit Bosheit geht es nicht darum, die Bosheit weg zu schaffen.

Vor allem hat Jesus ein Problem mit Scheinheiligkeit – also mit versteckter Bosheit. Mit Menschen, die gut tun aber böses im Sinn haben.

Adolph Franz Friedrich Ludwig Freiherr Knigge vor 250 Jahren: Zuerst über die Aufführung gegen unsre Feinde. Man kränke niemand vorsätzlich! Man sei wohlwollend, dienstfertig, verständig, vorsichtig, grade und ohne Winkelzüge in allen Handlungen. Man erlaube sich keinen Schritt zum Nachteil eines andern. Man zerstöre keines Menschen Glückseligkeit. Man verleumde niemand. Man verschweige selbst das wirklich Böse, das man von seinen Mitmenschen weiß, wenn man nicht entschiednen Beruf hat oder das Wohl andrer es bestimmt erfordert, darüber zu reden – so wird man – etwa keine Feinde haben? – das sage ich nicht; aber man wird, wenn uns dennoch Neid und Bosheit verfolgen, wenigstens die Beruhigung empfinden, keine Veranlassung zur Feindschaft gegeben zu haben. (http://www.zeno.org/Literatur/M/Knigge,+Adolph+Freiherr+von/Schriften/Über+den+Umgang+mit+Menschen/Zweiter+Teil/11.+Kapitel)

Das finde ich eine gute Frage: Habe ich eine Berufung oder muss ich um das Wohl des anderen willen eingreifen?

Eli weiß alles: Eli war inzwischen sehr alt geworden. Als er erfuhr, was seine Söhne den Israeliten antaten und dass sie mit den Frauen schliefen, die am Eingang des Heiligen Zeltes Dienste verrichteten, sagte er zu ihnen: „Warum tut ihr so etwas? Von allen Leuten höre ich nur Schlechtes über euch. …“ (1. Samuel 2,22-23)

Gott macht Eli einen Vorwurf: Du, Eli, achtest deine Söhne mehr als mich und lässt zu, dass sie die besten Stücke von dem, was mein Volk mir opfert, wegnehmen, damit ihr euch daran mästen könnt. (1. Samuel 2,29b)

Versucht Eli nicht, seine Söhne mit seinen Mitteln zur Einsicht zu bewegen? Trotzdem ist Gott nicht einverstanden. Was könnte das heißen?

Erstens ist Eli inzwischen sehr alt. Hat er zu lange gewartet? Zu lange zugeschaut? Eli hat eine Berufung und eine Verantwortung: Eine Berufung, weil er der Vater ist und eine Verantwortung, weil er der leitende Priester ist.

Zweitens ist mir aufgefallen, was Eli nicht tut. Er stellt sich nicht selbst gegen seine Söhne. Er erklärt, dass schlecht über sie geredet wird. Er spricht aus, dass sie böse Sachen tun. Er warnt sie vor Gott. Aber er sagt nicht, dass er nicht einverstanden ist. Er distanziert sich nicht von ihnen.

Bei Bosheit ist es entscheidend, sich klar und direkt zu positionieren. Der Psychologe Moshagen sagt: “Wir neigen zu übertriebener Nachsicht. Fällt jemand durch Größenwahn auf, denken wir, dass derjenige eben große Ziele hat.” Doch man müsse bei diesen Menschen eher damit rechnen, dass sie auch lügen und betrügen. (https://www.evangelisch.de/inhalte/154629/16-01-2019/die-gesichter-des-boesen)

Wo habe ich die Berufung einzuschreiten oder wo habe ich Verantwortung Menschen zu schützen?

3Hoffnung

Unsere Geschichte gibt auch einen hoffnungsvollen Ausblick. In dem heiligen Zelt wohnt und lebt Samuel. Er dient Gott. Freiwillig. Mit ehrlichem Herzen. Seine Mutter kümmert sich um ihn. Samuel wird größer und stärker und findet das Wohlwollen des Volkes. Die Menschen merken, dass Samuel anders gestrickt ist.

Wenn es irgendwo korrupt oder mit Bosheit zugeht, ist auch die Frage: Wo wirkt Gott? Wo entwickelt sich etwas Neues? Wo sind hoffnungsvolle Neuanfänge?Vor allem die junge Generation spielt dabei eine sehr große Rolle.

Wo kannst du junge Menschen unterstützen?