13. März 2020 | Predigt Handout

Grenzerfahrung Alter

1 Den Tatsachen ins Auge schauen

Ein kurzer Vergleich bei der Hautstraffung und der Haarpracht früher und heute lässt es mich erahnen: Ich bin älter geworden. Ziemlich viel älter. Wenn man Fotos anschaut, dann wird man damit konfrontiert.

Älter werden ist eine Grenzerfahrung. Man schaut der Tatsache ins Auge, dass man mal jung war – aber jetzt nicht mehr ist.

Und man schaut der Tatsache ins Auge, dass das Leben endlich ist – wir uns einer Grenze nähern.

Drittens schaut man der Tatsache ins Auge, dass heute nicht mehr alles so geht wie früher.

Wie ist das, wenn die Grenze offensichtlich näher kommt? Was macht das dann mit uns?

1.1 Kennzeichen

Samuel stellt fest: „Siehe, nun wird euer König vor euch herziehen; ich aber bin alt und grau geworden, und meine Söhne sind bei euch.“ (1. Samuel 12,2)

Der König Saul übernimmt Samuels Job. Samuel geht in Rente. Ein Zeichen dafür, dass wir alt werden, ist die Rente.

Außerdem ist Samuel grau geworden. Der Körper zeigt uns unser Alter.

Samuels Söhne sind erwachsen. Wenn deine Kinder oder die Kinder deiner Freunde erwachsen sind, dann sagt das etwas über dich.

Samuel blickt der Tatsache ins Auge: Ich bin alt und grau. Nicht die, die noch viel älter sind, sondern ich. Darum geht es: Nicht ignorieren, nicht die ewige Jugend vorspielen, sondern sich den Tatsachen stellen.

1.2 Aktiv gestalten

Zum Schluss sagt Samuel: „Auch ich werde weiter wie bisher mit meinen Gebeten beim HERRN für euch eintreten und euch den guten und geraden Weg weisen. Ich würde ja Schuld auf mich laden, wenn ich damit aufhörte.“ (1. Samuel 12,23)

Samuel geht in Rente. Aber nicht mit seiner Person. Er gestaltet eine neue Phase in seinem Leben. Seine Rolle ändert sich. Er gibt eine Aufgabe weiter, aber nicht alle. Samuel legt seine Berufung nicht ab. Samuel gibt ab und er macht weiter.

Loslassen und fortsetzen.

Samuel gestaltet aktiv. Er schaut den Tatsachen ins Auge und er stellt sich der Frage: Was lasse ich los und was setze ich fort?

Das ist unsere Aufgabe, wenn wir älter werden. Leben gestalten.

Ich tappe immer mal wieder in eine Falle. Ich sehe etwas, was mir nicht gefällt. Ein Konflikt. Eine Aufgabe. Je nach dem drücke ich mich davor. Ich versuche so zu tun, als gäbe es die Aufgabe nicht oder noch besser: Als würde sie sich von alleine lösen.Tut sie aber nicht. Sie schreit mich eher an: „Pack mich an.“ Kennst du das?

Älter werden ist kein Monster, sondern eine Lebensphase die wir gestalten können.

2 Aufräumen

Jetzt steht Samuel vor dem Volk. Alle sind glücklich. Sie haben einen wichtigen Sieg eingefahren. Saul hat seine erste Bewährungsprobe als König geschafft und sich als guter Anführer erwiesen. Der Staffelstab wurde weitergegeben und der erste Schritt hat gut funktioniert.

Samuel schaut ernst in die Runde, denn jetzt will er es wissen: Hat er sich etwas zu Schulden kommen lassen?

Räumst du gerne auf? Ich nicht. Aber ich liebe es, wenn das Chaos beseitigt ist, wenn wieder neuer Platz entstanden ist, der Dreck aus dem Haus gefegt wurde. Das fühlt sich gut an.

Samuel räumt auf: Ich stelle mich jetzt eurem Urteil. Erhebt vor dem HERRN und seinem gesalbten König Anklage gegen mich, wenn ich irgendein Unrecht begangen habe. Wem habe ich ein Rind oder einen Esel weggenommen? Wen habe ich erpresst, wen unterdrückt? Von wem habe ich mich durch Bestechung dazu bringen lassen, als Richter ein Auge zuzudrücken? Ich bin bereit, für alles Wiedergutmachung zu leisten.« (1. Samuel 12,3)

Wann hast du das letzte Mal aufgeräumt?

Meinrad Rohner schreibt: „Es ist ein natürlicher Teil unseres Lebens, immer wieder in Situationen zu geraten, die uns überraschen, verunsichern, ängstigen, beschämen, erregen, ärgern oder mit Traurigkeit erfüllen und mit denen wir irgendwie umgehen müssen. Unsere erste Reaktion auf eine solche Erfahrung besteht wahrscheinlich nicht darin, diese Situation und die damit verbundenen Gefühle willkommen zu heißen. Vielmehr mögen wir diese meist nicht.“ (https://www.nachinnen-nachaussen.de/infothek/Erfahrung_zur_Sprache_bringen.pdf)

Manchmal merken wir gar nicht, dass wir solche Gefühle bei anderen hervorrufen. Sie lagern sich ab, wie dreckiges Geschirr in der Küche oder wie die Stapel von ungelesenen Zeitschriften auf dem Schreibtisch.

Wir können so etwas aber zur Sprache bringen.

  • Wie habe ich mich deiner Meinung nach verändert?

  • Was hat dich in unserer Beziehung am meisten verletzt?

  • Gibt es ein Verhalten an mir, dass dich irritiert?

  • Hast du dich von mir im Stich gelassen gefühlt?

Ich habe keine Lust aufzuräumen. Aber nachher fühlt es sich gut an in einer aufgeräumten Wohnung zu sein. Räum auf, wenn du einen Job beendest, wenn du wechselst, wenn du ein Jubiläum hast.

Das ist Schritt 1. Samuel bleibt nicht dabei. Aufräumen geht nicht einseitig. Beziehung geht nicht einseitig.

Als nächstes tut Samuel etwas ungewöhnliches. Er er fordert das Volk auf, sich vor ihm aufzustellen, damit er sie vor Jahwe richtet. Das ist ein komischer Gedanke.

Richten klingt für mich immer nach Verurteilen. Es klingt nach oben und unten. Jemand, der die saubere Weste hat, darf richten. Richten bedeutet aber auch, dass Recht und Unrecht zur Sprache gebracht wird. Samuel fördert, dass Gott zur Sprache kommt. Wie wäre es also, wenn wir sagen: Gott, wir wollen dein Urteil hören? Lass mal hören, was du über uns denkst. Das will Samuel erreichen.

Samuel weiß sich Gott verpflichtet – nicht einem Menschen.

3 Samuels geistliches Resümee

In dem Prozess des Aufräumens gibt Samuel einen Appell weiter. Das ist sein geistliches Resümee. Das ist das, worauf es seiner Meinung nach ankommt: „Jetzt kommt es darauf an, dass ihr den HERRN ehrt und ihm gehorcht, auf seine Weisungen hört…“ (1. Samuel 12,14)

  • Einen Menschen, vor dem ich Ehrfurcht habe, würde ich nicht beleidigen. Über den würde ich auch nicht schlecht reden. Ehrfurcht habe ich dann, wenn ich jemanden hoch achte

  • Mit ehren kann gemeint sein, verehrende Worte zu finden. Aber das Wort, dass dort im Text steht, kann man auch mit dienen übersetzen. Daran sieht man, dass es um mehr als um Worte geht.

  • Drittens redet Samuel davon zu hören. Gott Platz in meinem Leben einräumen, indem ich ihm zuhöre. Zeit dafür nehme.

Älter werden ist eine gute Gelegenheit ein Resümee zu ziehen. Mich würde mal interessieren von allen unter uns die im Rentenalter sind: Was ist dein geistliches Resümee? Worauf kommt es an?

4 Fazit

Was wir brauchen, ist ein Miteinander. Samuel ist dabei der aktive. Er gestaltet seine neue Rolle, bei der er nicht mehr an der Spitze steht. Gestalte.

Zum älter werden gehört nachfragen: Welche Fehler habe ich/ haben wir eigentlich gemacht? Auf der anderen Seite wünsche ich mir von Älteren, dass sie reden. Über das, worauf es ankommt. Auch dann noch, wenn andere die Entscheidungen treffen.