| Predigt Handout

30.04.23 Herzenssache (Teil 2)

Hier kannst du den Beitrag als pdf herunterladen: älterer Sohn_AB

1 Was bisher geschah

Zu dem ersten Teil siehe hier: Teil 1

2 Der älteres Sohn in Rembrandts Bild

Rembrandt galt als streitsüchtig, hat über Menschen gelästert, war unhöflich und hatte mit jedem Ärger. Wie egoistisch und rachsüchtig er vorging, zeigt sich besonders daran, wie er Geertje Dirckx behandelt hat. Mit ihr hat er sechs Jahre zusammengelebt. Dann wollte er sie loswerden. Rembrandt benutzte ihren Bruder, um „Aussagen von Nachbarn gegen sie zu sammeln, damit sie in eine Irrenanstalt eingewiesen werden konnte“ (in: H.J.M. Nouwen. Nimm sein Bild in dein Herz. Freiburg 1991. S. 83). Als sie entlassen werden konnte, heuerte Rembrandt Agenten an. Die sollten Beweise gegen sie sammeln um sicherzustellen, dass sie eingesperrt blieb. Henry Nouwen schreibt: „Sich diesem Rembrandt zu stellen ist hart. Es ist nicht so schwer, einen lüsternen Menschen sympathisch zu finden, der sich den Sinnesfreuden der Welt hingibt, dann bereut, umkehrt und ein ausgesprochen geistbetonter Mensch wird. Es ist viel schwerer, einem griesgrämigen, gehässigen Menschen Hochachtung entgegenzubringen, der viel von seiner kostbaren Zeit mit ziemlich belanglosen Prozessen verschwendet und durch sein hochfahrendes Verhalten andere Menschen ständig vor den Kopf stößt.“ (ebd. S. 83)

Vielleicht ist Rembrandt nicht nur der jüngere Sohn, sondern auch der ältere, verbitterte Sohn – vermutlich der Mann rechts auf dem Bild. Er steht abseits. Vater und jüngerer Bruder befinden sich auf einem hellen Untergrund. Der ältere Sohn steht im Dunkeln auf anderem Boden. Seine Hände sind nicht offen, wie die des Vaters. Regungslos schaut er auf die Szene herab. Er steht höher, fühlt sich gerechter. Sein jüngerer Bruder ist ganz im Licht, er nur im Gesicht. Noch ist unklar, ob er auch ganz ins Licht kommt, oder sich abwendet. Interessant ist auch die Aufteilung des Bildes. Vater und zurückgekehrter Sohn sind nicht in der Mitte des Bildes. Das Bild hat zwei Seiten, die die ganze Spannung deutlich machen.

Jesus erzählt: Der ältere Sohn war noch auf dem Feld. Als er zurückkam und sich dem Haus näherte, hörte er Musik und Tanz. Er rief einen der Diener zu sich und fragte: ›Was ist denn da los?‹ Der antwortete: ›Dein Bruder ist zurückgekommen! Dein Vater hat das gemästete Kalb schlachten lassen, weil er ihn gesund wieder hat. ‹Da wurde der ältere Sohn zornig. Er wollte nicht ins Haus gehen. Doch sein Vater kam zu ihm heraus und redete ihm gut zu. Aber er sagte zu seinem Vater: ›So viele Jahre arbeite ich jetzt schon für dich! Nie war ich dir ungehorsam. Aber mir hast du noch nie einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden feiern konnte. Aber der da, dein Sohn, hat dein Vermögen mit Huren vergeudet. Jetzt kommt er nach Hause, und du lässt gleich das gemästete Kalb für ihn schlachten.‹ Da sagte der Vater zu ihm: ›Mein lieber Junge, du bist immer bei mir. Und alles, was mir gehört, gehört dir. Aber jetzt mussten wir doch feiern und uns freuen: Denn dein Bruder hier war tot und ist wieder lebendig. Er war verloren und ist wiedergefunden.‹« (Lukas 15,25-32)

3 Die Verbitterung des älteren Sohnes

Während im Haus gefeiert wird, kommt der ältere Sohn vom Feld. Er kümmert sich und dient seinem Vater. Er ist kein Sohn, sondern Diener. Er hält den Laden am Laufen. Fühlst du dich verantwortlich? Für ihn sind die Regeln zentral. Er hält sie, gibt sich größte Mühe so zu sein, dass der Vater stolz auf ihn ist und mit ihm zufrieden. Fröhlich und ausgelassen zu sein, scheint ihm fremd zu sein. Wie gut bist du darin zu feiern, fröhlich und ausgelassen zu sein und das Leben zu genießen? Jetzt bricht es vorwurfsvoll aus ihm heraus: „Du hast mir nie einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden feiern konnte. Du hast mich nicht gesehen. Du hast mir nichts geschenkt. Ich muss mir alles verdienen.“ Das ist die Last des braven und pflichtbewussten Menschen. Er ist darin gefangen, gut zu sein. Er blickt auf die feiernden herab, die Spaß haben dürfen. Er wartet darauf, dass er befreit wird, gesehen wird, freigesetzt wird – aber niemand tut es. Niemand entbindet ihn der Pflicht. Henry Nouwen schreibt: „Unter den „Redlichen“ und „Gerechten“ findet sich so viel Groll und Griesgrämigkeit. Unter den „Heiligen“ gibt es so viel Vorurteil, so viel Verurteilung. Unter den Leuten, die mit so viel Eifer „Sünden“ meiden, herrscht soviel abstoßende Kälte.“ (ebd. S. 89) Der jüngere Sohn hat alle Pflicht über Bord geworfen. Zuletzt hat er Liebe empfangen, ohne sie sich verdient zu haben. Ich halte eher meine guten Taten hin und denke: Dafür müsste ich doch eigentlich geliebt werden. Gehorsam und Pflicht ist für unseren älteren Sohn zu einem Gefängnis geworden. Der jüngere Sohn ist ausgebrochen. Wäre das besser?

Für die Freude des Vaters hat er keinen Raum. Und dadurch hat er keinen Raum für Menschen. Der ältere Sohn schaut auf den Bruder verachtend herab. Aber zu seinem Vater schaut er mit Furcht hinauf. Er ist der Sklavenhalter, der den Sohn antreibt und als Diener hält. Das ist die Haltung eines eingeschüchterten Menschen. Der eingeschüchterte Mensch hat keine Wahl. Gott ist stärker. Man muss gehorchen um nicht verloren zu gehen. Was also soll man tun? Aber: Wer hat ihn eingeschüchtert? Unsere Geschichte bleibt offen. Es bleibt eine immer wiederkehrende Frage, ob wir mit dem Vater fröhlich werden oder einengend, selbstgerecht und missmutig bleiben.

4 Die Antwort des Vaters

Zunächst hat mich geärgert, was der Vater sagt: ›Mein lieber Junge [wörtlich: Kind], du bist immer bei mir. Und alles, was mir gehört, gehört dir. Ich dachte: „Das ist ja schön und gut, dass ihm alles gehört, aber hast du ihn jemals gefragt, warum er nicht mal feiert?“ Dann ist mir aufgefallen, dass genau hier die Lösung liegt: Kind sein. Die Lösung liegt nicht darin, auch wie der jüngere Sohn wegzulaufen. Wie viele Schrammen wird er aus dieser Zeit behalten? Der Sohn sieht sich selbst als Diener, aber der Vater sieht ihn als sein Kind. Die Lösung liegt darin, erwachsen zu werden und trotzdem Kind zu bleiben. Er muss es sich selbst erlauben, Spaß zu haben und genießen zu können, Kind des Vaters zu sein. Er muss die Umarmung in sich aufnehmen, die sein jüngerer Bruder bekommt.

Henry Nouwen zieht den Schluss, dass der ältere Sohn verbittert ist, der Weg heraus ist Vertrauen und Dankbarkeit: Wenn ich vertraue, dann fühle ich mich sicher. In unserer Geschichte macht nicht der Vater seinen Sohn zum Diener. Sondern der Sohn sich selbst. Die Frage an den älteren Sohn in uns ist: Erlaube ich es mir, Kind zu sein? Während der Coronaphase waren manche Christen froh, nicht mehr in den Gottesdienst gehen zu müssen. Warum sind diese Menschen nicht schon früher auf die Idee gekommen, einfach nicht mehr zu gehen? Wer oder was treibt uns an? Was würdest du tun, wenn du frei wärst? Und darfst du diese Wünsche äußern? Das gehört für mich zum Vertrauen: Nicht einfach machen und gehorchen, sondern sich äußern dürfen.

Dankbarkeit ist ein klassisches Thema, so dass man geneigt ist, nicht mehr richtig hinzuhören. Kennt man schon. Wir schauen trotzdem noch mal hin. Der ältere Sohn wird auf dem Bild von Rembrandt von dem Licht des Vaters angeleuchtet. Aber wohin fällt sein Blick? Er schaut auf seinen Bruder. Er vergleicht sich und steht selbst höher. Dankbarkeit hat damit zu tun, worauf wir schauen. Es gibt eine eingeübte Dankbarkeit: Als Kind lernen wir danke zu sagen. Es gibt aber auch eine natürliche Dankbarkeit. Die zeigt sich dann, wenn Kinder am liebsten für immer bei den Eltern bleiben wollen, weil sie sich nichts besseres vorstellen können. Ich schaue dann nicht auf den anderen, sondern ich sehe die Umarmung und genieße sie selber. Wann bist du das letzte mal von Gott umarmt worden? Wann hattet ihr das letzte mal ein Vier-Augen-Gespräch? Wann habt ihr das letzte mal zusammen Kaffee getrunken? Ich genieße es, in seinem Raum zu leben. Es ist so schön Zuhause. Was können wir tun?

Erstens: Wer oder was hilft dir, dich zu freuen? Wer lädt dich in den Raum ein, wo du feiern kannst? Suche Kontakt zu diesen Menschen. Sie sind gute Mentoren für dich!

Zweitens kannst du eine Frage beantworten: Welche christliche Veranstaltung oder welchen christlichen Anspruch findest du zwar richtig, strengt dich aber nur an. Ganz ehrlich. Bei wem fängst du an, dazu zu stehen, was du eigentlich willst? Du darfst das sagen. Wenn du frei wirst, etwas zu äußern, werden auch andere frei.

Gott sieht dich nicht als seinen Diener, sondern als Teilhaber und Kind.