| Predigt Handout

23.04.23 Herzenssache (Teil 1)

Hier kannst du den Beitrag als pdf herunterladen: jüngerer Sohn_AB

Jesus erzählte weiter: »Ein Mann hatte zwei Söhne. Der jüngere sagte zum Vater: ›Vater, gib mir meinen Anteil am Erbe!‹ Da teilte der Vater seinen Besitz unter den Söhnen auf. Ein paar Tage später machte der jüngere Sohn seinen Anteil zu Geld. Dann zog er in ein fernes Land. Dort führte er ein verschwenderisches Leben und verschleuderte sein ganzes Vermögen. Als er alles ausgegeben hatte, brach in dem Land eine große Hungersnot aus. Auch er begann zu hungern. Da bat er einen der Einwohner des Landes um Hilfe. Der schickte ihn aufs Feld zum Schweinehüten. Er wollte seinen Hunger mit dem Schweinefutter stillen, das die Schweine fraßen. Aber er bekam nichts davon. Da ging der Sohn in sich und dachte: ›Wie viele Arbeiter hat mein Vater, und sie alle haben mehr als genug Brot. Aber ich komme hier vor Hunger um. Ich will zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich bin vor Gott und vor dir schuldig geworden. Ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn genannt zu werden. Nimm mich als Arbeiter in deinen Dienst.‹ So machte er sich auf den Weg zu seinem Vater.

Sein Vater sah ihn schon von Weitem kommen und hatte Mitleid mit ihm. Er lief seinem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Aber sein Sohn sagte zu ihm: ›Vater, ich bin vor Gott und vor dir schuldig geworden. Ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn genannt zu werden.‹ Doch der Vater befahl seinen Dienern: ›Holt schnell das schönste Gewand aus dem Haus und zieht es ihm an. Steckt ihm einen Ring an den Finger und bringt ihm Sandalen für die Füße. Dann holt das gemästete Kalb her und schlachtet es: Wir wollen essen und feiern! Denn mein Sohn hier war tot und ist wieder lebendig. Er war verloren und ist wiedergefunden.‹ Und sie begannen zu feiern. (Lukas 15,11-24)

Das ist der erste Teil der Geschichte vom Vater mit zwei Söhnen. Mich hat diese Geschichte schon immer fasziniert – vielleicht, weil ich ohne Vater aufgewachsen bin. Vielleicht aber auch, weil ich das Gefühl habe: Mit dieser Geschichte sind wir im Zentrum angekommen und schauen in Gottes Herz. Wir schauen in diesem ersten Teil den jüngeren Sohn an – und ein Bild von Rembrandt. Er hat nicht einfach die Geschichte wiedergegeben, sondern seine eigene Geschichte hineingelegt.

1 Das Bild

Rembrandt wurde 1606 als Sohn eines Müllers in den Niederlanden geboren. Recht früh war ihm selbst klar, das er ein großes Talent hat. Schon mit 19 Jahren hatte er ein eigenes Atelier und mit 24 Jahren bedeutende Auftraggeber und damit sehr viel Geld. Er liebt und heiratet Saskia, feiert das Leben und gibt das Geld mit beiden Händen aus. Aber dann wird sein Leben turbulent. Vier von seinen fünf Kindern sterben vor ihm. Saskia stirbt. Dann hat er eine Geliebte bevor er noch mal heiratet: Hendrickje. Sie wird in der reformierten Kirche wegen Hurerei mit dem Maler Rembrandt vom Abendmahl ausgeschlossen. Der verschuldet sich immer mehr und muss schließlich alles verkaufen. Nur eine Tochter, eine Schwiegertochter und eine Enkelin überlebt ihn. Sein letztes Bild malt er fast erblindet und nennt es „die Heimkehr des verlorenen Sohnes“. Im Original ist das Bild 2,62m hoch. Die Personen sind in Lebensgröße dargestellt. Nur drei Personen werden ins Licht gesetzt, vor allem der Vater und der jüngere Sohn. Der Mann rechts ist vermutlich der ältere Bruder. Noch drei weitere Personen sind zu sehen. Wer diese Menschen sind, kann man nur raten.

Rembrandt hat die Geschichte vom verlorenen Sohn in seinem Leben mehrfach aus unterschiedlichen Perspektiven gemalt. Unser Bild ist eine Art Vermächtnis von ihm. Vielleicht malt Rembrandt damit sich selbst.

Segnend hat der Vater die Hände auf seinem Sohn. Er umarmt ihn nicht richtig, sondern segnet ihn. Liebevoll und ruhig. Der Sohn sieht zerrissen und dreckig aus. Die Sandale ist zerschlissen. Er ist vom Leben gezeichnet. Das Bild strahlt eine Gewisse Ruhe aus. Der Sohn hat die Augen geschlossen. Er ist am Ziel angekommen und geborgen. Auch der Vater wirkt zufrieden.

Ich möchte mit euch die Geschichte vom verlorenen Sohn noch ein wenig genauer anschauen: Zuerst aus der Rolle des Betrachters, danach schlüpfen wir in die Rolle des jüngeren Sohnes.

2 Betrachter

Er ist einer von Zweien. Der Vater hat unterschiedliche Söhne. Wir Menschen sind unterschiedlich. Bin ich diesem Sohn ähnlich? Er verlangt vom seinem Vater das ihm zufallende Erbe. Das ist mindestens frech. Er verhält sich so, als wäre der Vater tot. Für ihn ist der Vater tot. Nach nur kurzer Zeit macht er alles zu Geld und zieht in ein fernes Land. Der junge Mann kappt die Beziehung. Ganz ehrlich: Ein wenig fasziniert mich der jüngere Sohn. Er ist selbstbewusst, eigen, zieht sein eigenes Ding durch und hat Spaß. Aber der jüngere Sohn begibt sich damit auch in eine andere Sphäre. Er gilt nicht länger als Sohn. Niemand juckt es, wessen Sohn er ist. Das läuft anfänglich sehr gut. Aber dann wird der Wind rauer und die Welt um ihn herum wird in eine Krise gestürzt. Was passiert, wenn jeder um sein Leben kämpfen muss?

Er muss für sich selbst sorgen. Jetzt ist er in einem Raum, in dem er sich beweisen muss. Dort gilt: Du bist was du hast, was du kannst und was andere über dich sagen. Es ist nicht schön, etwas zu leisten, sondern wir müssen es tun. Arbeit wird zum Fluch.

Weil sich niemand um ihn kümmert, hängt er sich an einen Bewohner des Landes. Wir sehen, wie unser einst so stolzer Mann eine Sklavenarbeit verrichtet. Aber das empfinde ich nicht als das schlimmste, sondern tragisch ist: Niemand juckt es, wie es ihm geht. Es ist nur eine kurze Bemerkung in der Geschichte, die Jesus erzählt, aber mir geht sie zu Herzen: Er möchte Schweinefutter essen, aber: „Niemand gab ihm“ (Lukas 15,16). Wir können uns nicht alles verdienen. Wenn uns niemand gibt, sind wir am Ende. Der Sohn ist entfremdet und ohne Halt. Niemand interessiert sich für ihn und wie es ihm geht. Er ist in der Mühle leisten zu müssen. Dort ist kein Raum für ihn als Person – nur Raum für den Arbeiter. Für Jesus steht der Sohn für Menschen, die sich von Gott distanziert haben und die entfremdet sind. Weg von dem Vater.

Der Sohn ist tief gefallen, als er sich daran erinnert, dass er Sohn ist. Er ist es immer noch, auch wenn er nicht würdig ist, Sohn genannt zu werden. Du bist Sohn! Du bist Tochter! Immer noch. Du bist Teil der Familie. Der Vater umarmt ihn, liebt, nimmt ihn wieder auf und freut sich über ihn. Der Vater – so malt es Rembrandt – legt seine Hände segnend auf ihn. Jetzt ist er der Gesegnete. Er ist nicht länger der, der benutzt wird. Während der Sohn sonst von niemandem beachtet wurde, hat der Vater ihn sofort gesehen. Schon von weitem sieht er ihn und läuft ihm entgegen. Das ist der Unterschied zwischen geliebt werden und funktionieren, zwischen geliebt werden und benutzt werden.

3 In der Rolle des Sohnes

Begeben wir uns in die Rolle des Sohnes. Wir haben die Nase voll und wollen raus. Wir wollen das Leben genießen. Es fühlt sich richtig gut an. Was sage ich dem Vater zum Schluss? Was sind meine letzten Worte? Auf nimmer wiedersehen?

Tatsächlich macht das Leben Spaß. Aber dann komme ich in eine Situation, in der ich Hilfe brauche. Wer bietet mir Raum, den ich mir selbst nicht nehmen kann? Und plötzlich bin ich alleine. Niemand sieht mich. Ich fange an mich anzubiedern und an Personen zu hängen. Ich hoffe, dass sie mich wertschätzen. Ich versuche mich attraktiv zu machen. Aber niemand „gibt mir“. Was hat mich enttäuscht? Wo ist Raum für mich? Wo ist Raum für meine dreckigen Kleider, für meine schlechten Erfahrungen? Habe ich vielleicht auch auf meine Art Gott für tot erklärt, weil ich mich an Menschen gehängt habe oder an Institutionen oder an meine Leistung?

Dann fällt es mir wieder ein, dass ich Sohn, Tochter bin. Ich gehe zurück. Mit schlechtem Gewissen. Ohne Ansprüche zu haben. Es passiert etwas, worauf ich kein Recht habe. Der Vater kommt mir entgegen. Er sieht mich und er fällt mir um den Hals. Er küsst mich. Er ist mir nahe. Kein einziger Vorwurf. Er freut sich einfach nur über mich.

Das ist Gott. Er freut sich über dich. Betrachten wir noch einmal das Bild und den jüngeren Sohn in den Armen des Vaters. Was erzählt er für eine Geschichte? Was habe ich alles versucht, um anzukommen? Welchen Schmerz habe ich durchlebt? Wonach habe ich mich gesehnt und es wurde mir nicht gegeben? Dann spüre ich die Hände des Vaters auf mir. Segnend. Auf seinem geliebten Kind. Froh über mich. So wie ich bin. So ist der Vater: Du bist sein Sohn und seine Tochter. Du bist willkommen. Du bist wertvoll. Da ist Raum für dich.