| Predigt Handout

21.04.24 Äußerer und innerer Mensch

Hier kannst du den Beitrag als pdf herunterladen: neuer Mensch_2Kor4+5_AB

Ganz allmählich begann er zu ahnen, dass er jahrzehntelang einen Irrtum gelebt hatte. Es war gar nicht wahr, dass Abgrenzung hieß, sich abzuschirmen und einzumauern wie in einer inneren Festung. Worauf es ankam, war etwas ganz anderes: dass man, wenn die anderen es erfuhren, furchtlos und ruhig zu dem stand, was man im Innersten war. (Pascal Mercier, Perlmanns Schweigen)

Was ist da eigentlich in mir? Paulus beschreibt einen „inneren Menschen“…

1 Mutig

Das sind also die Gründe, weshalb wir uns nicht entmutigen lassen. (1. Korinther 4,16a)

Gibt es etwas, was dich in letzter Zeit entmutigt hat? Wenn wir entmutigt sind, dann macht das müde. Uns fehlt die Kraft – aber nicht physisch, sondern in unserem Kopf. Wenn wir mehrere Stunden gearbeitet haben, dann sind wir davon müde. Manchmal fühlt sich diese Müdigkeit richtig gut an. Nämlich dann, wenn etwas bei meiner Arbeit herausgekommen ist. Etwas erledigen zu müssen baut Spannung auf. Wenn ich es erledigt habe, baut sich diese Spannung wieder ab. Im Schöpfungsbericht wird erzählt, dass Gott zum Schluss von seiner Arbeit ausgeruht hat. Das ist eine schöne Ruhe. Es ist geschafft. Aber wenn ich gearbeitet habe und nichts erreicht habe, dann bin ich müde und die Spannung ist noch da.

Es sind unversöhnte Anteile in uns, die uns müde machen: Diese inneren und äußeren Konflikte, die uns Kraft rauben. Ich meine damit zum Beispiel, dass wir viel gearbeitet haben, es aber kein brauchbares Ergebnis gibt. Oder das, was uns traurig macht, was wir aber nicht auflösen und nicht ändern können: Ein Mensch, den wir vermissen oder eine Krankheit, die wir ertragen müssen. Oder drittens, dass wir unzufrieden sind mit uns: Wir wären gerne sportlicher, hübscher, lustiger. Oder ich meine viertens schwierige Beziehungen: Wir verstehen uns falsch, reden aneinander vorbei oder uns regt etwas am anderen auf. Paulus schreibt, dass er nicht müde wird. Kennt er diese unversöhnlichen Anteile nicht? Ist er so stark? Kann ich das lernen?

In den letzten Jahren wurde viel über Resilienz geredet. Es geht darum, in Krisen handlungsfähig zu bleiben – also nicht entmutigt aufzugeben. Da jeder widerstandsfähig sein will, verkaufen sich Bücher gut, die dir erklären, wie es geht: „Resilienz für Einsteiger“, „Mit Resilienz zur Powerfrau“ oder „100 Resilienz Tools für den Alltag“. Von einer Resilienzforscherin habe ich gelernt: So einfach ist das alles nicht. Du kannst nicht ein paar Prinzipien anwenden, und dann meisterst du jede Krise. Sich nicht entmutigen zu lassen passiert nicht, indem du einen Ratgeber liest und dann läuft’s. Was also bringt Paulus dazu zu sagen, dass er sich nicht entmutigen lässt?

Wir schauen heute nicht die Gründe an, die Paulus so stark machen. Er beschreibt aber einen Prozess: Statt müde zu werden, passiert etwas anderes. Und ganz wichtig: Paulus beschreibt etwas, was bei uns (!) passiert:

Das sind also die Gründe, weshalb wir uns nicht entmutigen lassen. Mögen auch die Kräfte unseres äußeren Menschen aufgerieben werden – unser innerer Mensch wird Tag für Tag erneuert. (1. Korinther 4,16b)

2 Innerer Mensch

Meint Paulus mit dem äußeren Menschen das Aussehen und mit dem inneren Menschen den Charakter? Mit dem äußeren Menschen ist quasi alles gemeint, was sich entmutigen lässt und müde wird. Auch unsere Psyche. Damit hat Paulus noch nichts am Hut – den Begriff kennt er noch nicht. Aber sie gehört dazu. Bei uns wird mehr als das aufgerieben als ein paar Muskeln.

Paulus stellt dem äußeren Menschen einen inneren entgegen. Der wird täglich erneuert. Das ist, als würdest du heute eine Milch aus dem Kühlschrank holen, die du als Kind darin vergessen hast und die immer noch gut ist. Was ist der innere Mensch? Etwas weiter im Text finden wir folgende Erklärung:

Und er ist deshalb für alle gestorben, damit die, die leben, nicht länger für sich selbst leben, sondern für den, der für sie gestorben und zu neuem Leben erweckt worden ist. Daher beurteilen wir jetzt niemand mehr nach rein menschlichen Maßstäben. (…) Vielmehr wissen wir: Wenn jemand zu Christus gehört, ist er eine neue Schöpfung. Das Alte ist vergangen; etwas ganz Neues hat begonnen! Das alles ist Gottes Werk. Er hat uns durch Christus mit sich selbst versöhnt und hat uns den Dienst der Versöhnung übertragen. (2. Korinther 5,15-18)

Wenn jemand an Jesus glaubt, dann ist er „in“ Jesus. Und wenn jemand „in“ Jesus ist, dann hat etwas Neues in ihm begonnen. Das Neue ist nicht ein anderer Mensch, sondern es ist auch Mario. Aber der neu geschaffene Mario. Innen meint verborgen und neu geschaffen, außen meint sichtbar und alt. Das Besondere am inneren Menschen ist, dass er versöhnt ist. Das, was uns müde macht, nämlich unversöhnt zu sein, ist dort versöhnt. Aber nicht wir haben versöhnt, sondern Gott hat uns mit sich versöhnt. Und Paulus weiß: Es gibt nach wie vor den äußeren Menschen. Den kann ich anschauen. Den spüre ich. Der hat hart zu kämpfen. Der wird aufgerieben. Der innere Mensch ist verborgen. Aber er ist genauso real.

Ingolf Dalferth hat es so ausgedrückt: ‘Die Welt ist mehr als das, was der Fall ist, das Leben mehr als das, was wir aus ihm machen, beides mehr, als in Wissenschaften und Philosophie zur Sprache kommt.’ (Ingolf U. Dalferth. Radikale Theologie)

Was kannst du mit dem inneren Menschen anfangen? Schließlich musst du morgen trotzdem zur Arbeit.

3 Unsichtbares anschauen?

Denn die Nöte, die wir jetzt durchmachen, sind nur eine kleine Last und gehen bald vorüber, und sie bringen uns etwas, was von unvergleichlich viel größerem Gewicht ist: eine unvorstellbare und alles überragende Herrlichkeit, die nie vergeht. Wir richten unseren Blick nämlich nicht auf das, was wir sehen, sondern auf das, was jetzt noch unsichtbar ist. Denn das Sichtbare ist vergänglich, aber das Unsichtbare ist ewig. (2. Korinther 4,17+18)

Paulus redet von Nöten, als eine kleine Last. Kennt der meine Not? Das klingt nach dem Motto: „Stell dich nicht so an. Das bisschen Schmerz ist doch nichts im Vergleich zur Ewigkeit.“ Vertröstet er auf das Jenseits? Ganz wichtig ist in dem Text, ein kleines Wörtchen, das zwischen der Last jetzt und der Herrlichkeit später steht: „bewirkt“. Was jetzt passiert, ist nicht sinnlos, sondern es bewirkt etwas maßlos Großes, Schweres, Angefülltes. Dass das so ist, liegt nicht an den Nöten an sich, sondern an dem inneren Menschen. Paulus rät uns auf das zu sehen, was nicht sichtbar ist. Was soll das sein? Geht es doch wieder ums Jenseits? Paulus redet von dem inneren Menschen. Der ist jetzt schon da. Aber eben unsichtbar. Paulus vertröstet nicht auf später. Er hält uns vor Augen, was schon jetzt da ist. Wie aber kann man etwas unsichtbares anschauen? Das geht doch gar nicht. Deshalb ist es ja „un-sichtbar“. Richtig. Du kannst deinen inneren Menschen nicht sehen. Aber du kannst ihn trotzdem anschauen. Aber nur mit „Augen des Herzens“, wie Paulus es mal an anderer Stelle ausdrückt. Den inneren Menschen können wir nur „spirituell“ sehen:

Erstens: Ich bleibe im Hier und Jetzt. Ich schwelge weder in den schönen alten Erinnerungen, noch vertröste ich mich auf das Jenseits. Im Hier und Jetzt zu bleiben heißt damit auch: Ich sehe auch meinen äußeren Menschen. Ich spüre den Schmerz, der davon ausgeht, dass mein äußerer Mensch aufgerieben wird. Wenn ich auf den inneren Menschen sehe, dann nehme ich den äußeren auch mit wahr. Es ist alles jetzt.

Zweitens: Auf den inneren Menschen zu sehen heißt auch, etwas zu sehen, was ich nicht mache. Gott hat sich mit mir versöhnt. Es war nicht mein Schritt auf ihn zu, der mir den inneren Menschen verschafft hat. Du glaubst auch nicht aus dir selbst. Sondern Gottes Geist bewirkt es in dir glauben zu können.

Drittens: Der innere Mensch bist auch du. Es ist niemand anderes.

Viertens: Paulus redet davon, was wir bei anderen beurteilen: Siehst du bei anderen ihre guten und schlechten Eigenschaften, wie gut sie mitarbeiten, ihr schlechtes Benehmen oder beurteilst du sie nach ihrem inneren Menschen?

Deshalb muss ich trotzdem meine Finanzen regeln und versuchen meine Psyche in den Griff zu bekommen. Es ist vielleicht schmerzhaft, aber das ist nicht alles. Hilft das? Es ist zuerst einmal egal, ob es dir hilft. Es ist aber da! Es geschieht! Es ist real!Auch wenn wir den inneren Menschen sehen, brauchen wir möglicherweise Hilfe. Das Verrückte ist, dass manche Menschen meinen, wenn sie Christ sind, macht Gott alles heil an ihnen. Aber das stimmt nicht. Mit dem äußeren Menschen sind schmerzhafte Prozesse verbunden, von denen Paulus redet. Aber der innere Mensch ist resilient, neu wie am ersten Tag.

Im Urlaub haben wir Gleitschirmflieger beobachtet. Es war schön zu sehen, wie sie die Thermik und den Wind nutzen. Sie brauchen keinen Motor. Sie müssen sich in den Wind stellen. Davon redet Paulus. Sehen, was Gott in uns getan hat. Schau darauf. Nicht mit den Augen, sondern spirituell, geistlich, glaubend.