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17.09.23 Entgiftung: Religiöses Gift

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Glaube sollte eigentlich frei machen und uns positiv verändern. Aber das passiert bei weitem nicht immer. Manche Menschen berichten davon, wie sie sich aus dem kirchlichen Umfeld befreit haben und dem Glauben den Rücken gekehrt haben, weil er sie krank gemach hat. Was ist falsch gelaufen?

Mir ist bewusst, dass es Glaubenssätze gibt, die zerstörerisch sind. Deshalb stelle ich mir immer wieder der Frage, was wahr ist. Dazu schauen wir uns heute eine Begegnung zwischen Jesus und einem religiösen Lehrer an. Die Geschichte steht in einem Buch in der Bibel, dass philosophisch geschrieben ist: Das Evangelium nach Johannes. Johannes beschreibt nie „die sieben Schritte zum Erfolg“, wie es viele Bücher tun. Er möchte durchdringen, wie etwas ist. Und weil es bei Religion um absolut grundlegende Fragen geht, kann man sehr viel Schaden anrichten. Deshalb möchte mich mit Nikodemus auf den Weg auf der Suche nach der Wahrheit machen und von Jesus hören, was er zu sagen hat.

1 Religiöser Gruppendruck

Unter den Pharisäern gab es einen, der Nikodemus hieß. Er war einer der führenden Männer des jüdischen Volkes. Eines Nachts ging er zu Jesus und sagte zu ihm: „Rabbi, wir wissen: Du bist ein Lehrer, den Gott uns geschickt hat. Denn keiner kann solche Zeichen tun, wie du sie vollbringst, wenn Gott nicht mit ihm ist.“ (Johannes 3,1+2)

Nikodemus hat die Aufgabe, wichtige Entscheidungen zu treffen und Menschen anzuführen. Er ist ein bedeutender religiöser Lehrer. Von ihm erwarten Menschen Antworten, wenn es um ihren Glauben, um ihre Seele und um ihr Leben geht. Aber Nikodemus ist nicht alleine. Er ist in ein Team eingebettet. Auf der einen Seite entlastet das Team. Auf der anderen Seite gibt es im Team immer auch einen gewissen Gruppendruck. Man weiß in etwa, wie die anderen ticken. Man weiß in solch einem Team, was man denken darf und was nicht. Wir können versucht sein, unsere Gedanken zu verbergen. Deshalb geht Nikodemus nachts zu Jesus. Ungesehen kann er frei reden. Für Religionen ist die Wahrheit – eine absolute und unverrückbare von Gott kommende Wahrheit – ein sehr hohes gut. Das schafft Druck. Was kannst du nicht sagen, obwohl du es denkst? Denn wenn das nicht möglich ist, entwickeln sich giftige Substanzen in uns. Wir meinen etwas glauben zu müssen, wozu wir uns aber nicht zwingen können.

Nikodemus weiß: Jesus ist ein von Gott gesandter Lehrer. Gleichzeitig ist Jesus seinen Kollegen ein Dorn im Auge. Sie möchten ihn loswerden. Jesus reizt sie, er hinterfragt sie, er widerspricht ihnen. Damit wackelt Jesus auch an ihrem Stuhl als Anführer. Ihr ganzes aufgebautes Glaubensgebilde scheint ins Wanken zu raten. Aber Nikodemus stellt fest, dass Jesus funktioniert. Er kann Zeichen vollbringen, die nicht von dieser Welt sind. Nikodemus weiß: Man kann eigentlich nicht anders als Jesus zu akzeptieren. Aber andere sind so verbissen, dass sie das Offensichtliche nicht sehen wollen. Hier entdecken wir eine Gefahr bei Gruppen, denen es um die Wahrheit geht: Wenn wir uns mal auf eine Wahrheit geeinigt haben und dann kommt jemand und denkt um, dann ist das schwierig. Nikodemus zieht ganz einfache logische Schlüsse. Es ist immer gefährlich, wenn in Gruppen solche einfachen logischen Schlüsse nicht erwünscht sind und wenn das Offensichtliche abgelehnt wird. Dann darf man nicht denken, was klar ist, sondern dann muss man denken, was die Gruppe will. Aber wenn du aus Druck glaubst, dann ist das giftig. Es wird dir auf Dauer nicht gut tun und Jesus ist anders.

Der Streit mit den Pharisäern entzündete sich darin, dass die Pharisäer dachten, sie wären gut. Nikodemus wagt sich zu Jesus. Um die Wahrheit herauszufinden ist es gut, wenn wir ihr nachgehen und wenn wir nicht von Denkverboten und Gruppendruck ausgebremst werden.

2 Wahrheit werden

Zuerst sagt Jesus: „Amen, amen, das sage ich dir: Nur wenn jemand neu geboren wird, kann er das Reich Gottes sehen.“ (Johannes 3,3) Wir wollen gerne die Wahrheit kennen und uns dann nach ihr richten. Wir denken: Wenn jemand weiß, wie es richtig ist, dann ist es gut. Wir wollen uns gerne Wahrheit aneignen. Aber das genügt nicht. Wir müssen die Wahrheit nicht nur kennen, wir müssen Wahrheit werden. Wir müssen neu werden. Jesus beschreibt hier also einen Vorgang, den du nicht dadurch erreichen kannst, dass du dich anstrengst. Die erste wichtige Lektion ist: Es reicht nicht, dass wir Wahrheit finden und kennen. Sie muss in uns werden.

3 Bewegt werden

Jesus geht einen Schritt weiter. Er redet vom Reich Gottes, das auf einer anderen Ebene liegt als unsere Welt. Das Reich Gottes lässt sich nicht mit unseren menschlichen Mitteln erreichen. Die Wahrheit über uns ist, dass es eine sichtbare und natürliche Welt gibt. Die Wahrheit über uns ist aber auch, dass es eine geistliche Welt gibt. Die eine Welt hängt mit der anderen zusammen. Beide Welten sind nicht völlig losgelöst voneinander. Aber wir können mit unseren Mitteln nicht in die geistliche Welt eindringen und sie auch nicht erobern.

Jesus behauptet: „Das, was wir wissen, davon reden wir. Und das, was wir gesehen haben, das bezeugen wir.“ (Johannes 3,11) Wir haben das nicht gesehen. Jesus kommt von Gott in unsere Welt hinein. Aber du kannst mit den natürlichen Mitteln nicht in die geistliche Welt eindringen. Was natürlich ist, wird nicht geistlich, wenn man sich genug anstrengt.

Jesus erklärt Nikodemus mit einem Beispiel, was bei uns passieren muss: „Auch der Wind weht, wo er will. Du hörst sein Rauschen. Aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht. Genauso ist es mit jedem, der vom Geist geboren wird.“ (Johannes 3,8) Wenn du dich ganz furchtbar anstrengst um zu glauben, stimmt etwas nicht. Jesus redet davon bewegt zu werden. Jesus erklärt mit dem Wind nicht, wie der Geist funktioniert. Er erklärt mit dem Wind, wie ein Mensch funktioniert, der vom Geist geboren wird. In dem Menschen passiert etwas, aber es entzieht sich dem, was wir verstehen und nachmachen können. Du merkst, dass etwas passiert. Aber du kennst den Anfang und das Ende nicht. Die Wahrheit über uns ist, dass wir etwas brauchen, was sich unserer Machbarkeit entzieht.

Damit kommt Jesus auf ein wichtiges Gift in Nikodemus zu sprechen: Wie schaffe ich es, gut genug zu sein? Wie kann ich Gott genügen? Das ist eine Frage, die wir in unserer Gesellschaft ähnlich ständig stellen: Wir müssen uns selbst neu finden und erfinden, heilen, in den Griff bekommen. Tausend Bücher mit den sieben Schritten zum erfüllten Leben helfen uns bei der Selbstoptimierung. Jesus zeigt: Die Wahrheit muss uns finden. Komm aus deinem religiösen Druck heraus. Natürlich stellt Nikodemus die typische Frage, die ich vermutlich auch gestellt hätte: „Wie kann das geschehen?“ (Johannes 3,9) Jesus setzt ein drittes mal an mit „Amen, amen, ich sage dir…“

4 Mensch werden

Jesus erklärt: Denn Gott hat der Welt seine Liebe dadurch gezeigt, dass er seinen einzigen Sohn für sie hergab, damit jeder, der an ihn glaubt, das ewige Leben hat und nicht verloren geht. (Johannes 3,16) Man kann den Satz so verstehen. dass Jesus hier erklärt, wie sehr Gott die Welt liebt. Es macht aber Sinn, den Satz etwas anders zu verstehen. Jesus erklärt nicht, wie sehr Gott die Welt liebt – also wie groß die Liebe ist. Sondern Jesus erklärt, auf welche Art Gott liebt: Wir müssen nicht in den Himmel kommen, sondern der Himmel kommt auf die Erde. Gott liebt diese Welt, indem er in unserem natürlichen Sein erscheint. Gott gibt seinen Sohn. Geben heißt an dieser Stelle noch nicht unbedingt, dass Jesus für uns stirbt – also sein Leben gibt. Geben meint hier zunächst, dass Gott uns seinen Sohn als Hilfe und als Gegenüber schickt. Gott lässt uns nicht alleine. Damit hat Gott Licht in die Welt gebracht und er hat seine Welt in unsere gebracht. Gott verändert die Welt nicht, indem er uns genau erklärt, wie wir besser funktionieren würden. Er verändert die Welt, indem er sich in sie hineinbringt. Die Tragik liegt dann darin, dass Gott die Sonne aufgehen lässt und alle verkriechen sich in dunkle Räume, weil sie sich verstecken.

Dann benutzt Jesus eine Formulierung, die gibt es im Deutschen so eigentlich nicht. Wenn wir von Wahrheit reden, dann können wir Wahrheit erkennen. In unserem Denken geht es bei Wahrheit um etwas, was ich mir aneignen kann. Jesus redet davon, die Wahrheit zu tun. „Was machst du heute Nachmittag?“ Antwort: „Ich mache Wahrheit.“

Wir meinen, es würde genügen, wenn wir die Wahrheit kennen und dann umsetzen. Dann wird Druck gemacht, die Wahrheit zu akzeptieren und zu leben. Wahr ist in der Bibel ein Begriff der mit Beziehung zu tun hat und was jemand sein kann. Jesus bringt uns Wahrheit, weil er sie ist. Deshalb brauchen wir ihn. Nicht nur seine Worte, sondern ihn. Und wir brauchen es, dass Gottes Geist uns bewegt. Wir haben das nicht im Griff. Wir müssen uns also bewusst machen, dass wir nicht damit weiterkommen, Wahrheit aufzustellen und zu kontrollieren. Wir kommen nur so weiter, dass wir die Hilfe suchen, die Gott schenkt und vertrauen, dass er uns verändert.