| Predigt Handout

14.05.23 der Vater (Teil 3)

Hier kannst du den Beitrag als pdf herunterladen: Vater_AB

Der jüngere Sohn hatte seinen Vater für tot erklärt, war ausgezogen und hatte sein Ding gemacht. Als alles zusammenbricht, kehrt er verlottert, stinkend, ausgelaugt und leer zurück. Jesus erzählt:

So machte er sich auf den Weg zu seinem Vater. Sein Vater sah ihn schon von Weitem kommen und hatte Mitleid mit ihm. Er lief seinem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Aber sein Sohn sagte zu ihm: ›Vater, ich bin vor Gott und vor dir schuldig geworden. Ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn genannt zu werden.‹ Doch der Vater befahl seinen Dienern: ›Holt schnell das schönste Gewand aus dem Haus und zieht es ihm an. Steckt ihm einen Ring an den Finger und bringt ihm Sandalen für die Füße. Dann holt das gemästete Kalb her und schlachtet es: Wir wollen essen und feiern! Denn mein Sohn hier war tot und ist wieder lebendig. Er war verloren und ist wiedergefunden.‹ Und sie begannen zu feiern. (Lukas 15,20-24)

In der Vorgeschichte wird Jesus von Gesetzeslehrern angeklagt. Sie stört, dass Jesus Menschen aufnimmt, die als Sünder gelten und böse sind. Die Gesetzeslehrer finden das nicht gut. Sie sprechen Jesus deshalb ab, ein guter und von Gott gesandter Lehrer zu sein. Daraufhin erzählt Jesus uns drei Geschichten, in denen etwas verloren und dann wiedergefunden wurde. Es geht immer um etwas, was der Besitzer als sehr wichtig ansieht. In unserer Geschichte wurde ein Sohn verloren. Was sagt Jesus uns mit dieser Geschichte und was sagt er den Gesetzeslehrern? Jesus beschreibt, von welcher Art Gottes Liebe zu uns ist. Der Vater sieht den Sohn von weitem, er läuft ihm entgegen, umarmt und küsst ihn. Welchen dreckigen, stinkenden Menschen, der mich ausgenutzt und fallengelassen hat, der mir Schaden zugefügt hat, würde ich entgegenlaufen, umarmen und küssen? Dafür braucht die Beziehung und Liebe eine besondere Qualität. Kann man auch für andere Menschen ein Vater oder eine Mutter werden als für die eigenen Kinder?

1 Das Gemälde

Der Vater wirkt klein und in sich zusammengesunken. Er ist ein alter und vom Leben gezeichneter Mann. Der ältere Sohn auf der rechten Seite ist viel größer und majestätischer – aber auch steifer. Die Szene wirkt ruhig und bewegungslos. Das Bild hält die Zeit an. Man kann sich in jede der Figuren hineinversetzen. Rembrandt hat unsere Geschichte interpretiert und sich vermutlich selbst identifiziert.

Auch wenn der Vater klein ist und nicht in der Mitte steht, ist er doch das Zentrum. Auf ihn fällt am meisten Licht. Seine Augen blicken links ins Nichts. Nicht, was er sieht ist wichtig, sondern was er fühlt: Eine Wiedervereinigung. Bei Gott ist nicht wichtig, was du „hermachst“. Der Kopf des Vaters ist leicht geneigt. Er steht nicht aufrecht majestätisch dort, sondern ganz in sich und seinem Sohn versunken, angekommen und zufrieden ruht er in diesem Augenblick. Der jüngere Bruder passt durch die Farben zum Vater. Bei ihm wirkt das dreckige Gewand des Sohnes wie Gold.

Interessant sind die Hände des Vaters. Er hat sie segnend auf seinen Sohn gelegt. Die Hände sagen, dass er seinen Sohn segnend anerkennt. Interessant ist, dass die Hände des Vaters sehr unterschiedlich sind. Eine Hand ist fein und zart – weiblich, die andere groß und von Arbeit gezeichnet. Vielleicht hat Rembrandt hier Mutter und Vater in den Vater gelegt. Der Vater scheint sehr alt zu sein. Er hat sein Ziel erreicht. Vielleicht hat ihn auch der Kummer und Schmerz der letzten Jahre so alt werden lassen.

In dieser Predigt geht es mir darum, ein Vater oder eine Mutter zu werden – und zwar nicht nur für die eigenen Kinder, sondern darüber hinaus. Ich hoffe, dass Gott in dir diesen Wunsch aufkommen lässt, so Menschen anzunehmen und zu segnen wie der Vater es tut. Henry Nouwen hat mich auf diese Idee gebracht und auch auf drei Begriffe, die uns zu einem guten Vater, einer guten Mutter werden lassen: Kummer, Anerkennung (Nouwen redet von Vergebung) und Großmut. (H.J.M. Nouwen: Nimm sein Bild in dein Herz)

2 Vater werden

2.1 Kummer

Jesus erzählt in der Geschichte nicht direkt von Kummer, indirekt aber schon. Warum freut sich der Vater dermaßen, dass er das Mastkalb schlachtet? Die Freude ist die Kehrseite des Kummers. Weil das Drama so groß war, freut er sich jetzt umso mehr. Kummer gehört dazu, wenn wir einen Menschen lieben und nicht aufhören zu lieben. Kummer wird kommen, wenn du Verantwortung übernimmst. Aber dass Menschen Kummer fühlen ist auch das, was diese Welt warmherzig macht. Kummer und kümmern hängen zusammen und sind ein Lebenszeichen unserer Seele.

Manchmal sind wir erschrocken oder bestürzt, wenn z.B. wegen einem Erdbeben tausende Menschen obdachlos sind. Aber Kummer geht tiefer. Er ist eine seelische Belastung. Wir empfinden dann Kummer, wenn die Seele leidet. Damit wir das sehen, müssen wir einen Menschen besser kennen und verbunden sein. Kummer legt sich auf die eigene Seele und ist schwer auszuhalten. Rembrandt hat gemalt, was der Kummer mit dem Vater angerichtet hat und wie klein und gleichzeitig groß er ihn gemacht hat. Wer keinen Kummer aushalten will, sollte auch kein Vater und keine Mutter werden. Aber wenn du dich kümmerst, dann wirst du vermutlich Kummer und Freude besonders stark kennenlernen. Kummer ist etwas Gutes. Jesus spricht in der Bergpredigt von Kummer: Arm sein, nach Gerechtigkeit dürsten, Sündern barmherzig begegnen, unter Unfrieden leiden, verfolgt werden (Matthäus 5). Jesus spricht diese Menschen selig – obwohl sie Kummer haben. Der Kummer wird sich in Freude verwandeln. Er hat Zukunft. Wo hältst du Kummer aus?

2.2 Anerkennung

Der jüngere Sohn ist ein verlotterter Rückkehrer, vom Leben gezeichnet und Sünder. Für den Vater ist er nichts von all dem, sondern er ist sein Sohn. Der ältere Sohn ist ein verbitterter Stinkstiefel. Für den Vater ist er sein Sohn, mit dem er alles teilt. Anerkennung ist ein Lebenselixier für uns. Um Vater, Mutter zu sein, ist es entscheidend, einen Menschen anzuerkennen. In dem Gleichnis fällt der Vater seinem Sohn um den Hals, bevor der etwas sagen kann. Noch bevor also ein Wort über die Lippen des Sohnes kommt, hat sein Vater schon geredet. Dann erklärt der Sohn reumütig, dass er nicht länger würdig ist, Sohn genannt zu werden – er erkennt sich selbst den Sohnestitel ab. Und was tut der Vater? Er lässt ihn einkleiden, lässt den Siegelring holen, lässt ihm Schuhe bringen. Das sind alles Zeichen. Er erkennt ihn als Sohn an – nicht mit Worten, sondern mit Taten. Henry Nouwen redet davon, als Vater zu vergeben. Wir können allerdings auch in die Falle tappen, sehr großherzig und von oben herab zu vergeben – als Chef, der seinem Untergebenen großzügig entgegenkommt. Jesus zeigt hier aber eine andere Art der Vergebung: anerkennend. Auch den älteren Sohn erkennt der Vater als Sohn an. Noch ist offen, ob der Sohn darauf eingeht. Aber der Vater geht dem Sohn entgegen.

Woran zeigt sich, ob ich einen Menschen anerkenne? Dazu drei Ideen: Erstens indem ich zu einer Person gehe, anstatt zu erwarten, dass sie zu mir kommt. Zweitens indem ich dieser Person das gebe, was ihr hilft, würdevoll zu sein, anstatt sie klein zu halten. (Mehr dazu im nächsten Punkt). Drittens indem ich die Weisheit einer Person respektiere, anstatt mich über sie zu stellen.

2.3 Großmut

Der Vater sagt zum älteren Sohn: Alles, was mein ist, ist dein. Bei dem jüngeren zögert er keine Sekunde, ihn als Sohn einzusetzen. Das hat mit Großmut zu tun. Großmut ist ein großes Gemüt, bezeichnet also eine Charaktereigenschaft. Das Gegenteil ist rachsüchtig oder nachtragend zu sein. Obwohl unser Vater im Gleichnis enttäuscht wurde, gibt er sich selbst an die Kinder. Er behält nichts zurück.

In einem Buch („Schöpferische Seelsorge“) erklärt Nouwen, dass es zwei Arten zu lehren gibt. Eine Form ist gewaltsam. Man vermittelt Wissen, hält den anderen aber gleichzeitig auch dumm. Die andere Art zu lehren ist ähnlich einem Buffet: Man breitet alles aus und bietet an. Das macht der Vater in unsere Geschichte. Er bietet alles an. Ein Vater oder eine Mutter zu werden heißt: Ich freue mich, wenn du erfolgreicher bist als ich. Du bist vielleicht nach Deutschland geflüchtet, aber ich gönne dir, dass du mehr Geld verdienst als ich. So zum Vater oder zur Mutter zu werden ist nicht normal. Das ist auch nicht natürlich. Natürlich ist, dass wir für unsere leiblichen Kinder Vater und Mutter werden – aber nicht für fremde Menschen. Jesus lehrt uns aber, dass Gott diese Art von Liebe für uns hat. Und er will, dass wir auch zum Vater und zur Mutter werden. Das ist deine und meine Berufung…