| Predigt Handout

09.06.24 Jesus ungezähmt: Elite

Hier kannst du den Beitrag als pdf herunterladen: Elite_Mt23_AB

1 Kann Jesus das gesagt haben?

Mit Elite sind die gemeint, die meinen, zur geistlichen Elite zu gehören. Der Text von heute ist so schwierig, dass einer der wichtigsten Ausleger meint: Das kommt gar nicht von Jesus. Die Worte seien zu einseitig und unausgewogen. Sie fördern nicht das, was Jesus eigentlich gesagt und gewollt habe. In der Tat: Unser Text hat dazu geführt, dass das Wort Pharisäer ein Schimpfwort geworden ist. Pharisäer steht für Heuchelei. Waren die wirklich so schlecht? Pharisäer haben sehr wohl versucht an sich zu arbeiten. Weil der ganze Text so einseitig ist und so pauschal verurteilt, kann er wohl nicht von Jesus sein? Eindeutig Faul? Antijüdisch? Oder? Sind die Worte von Jesus vielleicht ganz anders zu verstehen?

2 Der Zusammenhang

Bevor wir zu dem Text kommen, müssen wir zwei Dinge klären: Wer waren eigentlich Pharisäer und wie ist der Zusammenhang? Matthäus hat in seinem Buch nicht einfach Geschichten aneinander gereiht. Er schreibt sein Buch um zu zeigen, was ihm klar geworden ist: Jesus ist der König, der kommen soll. Das Buch geht mit einem Stammbaum los: Wo kommt Jesus her? Er stammt aus einer Königsfamilie. Dann erzählt Matthäus die Geburtsgeschichte: Jesus wird von fernen Abgesandten – Sterndeuter – als König begrüßt und der amtierende König Herodes wittert Verrat. Als Jesus zu predigen beginnt, hält er eine Regierungserklärung: In der Bergpredigt erklärt Jesus, wie es im Reich Gottes zugehen soll.

Zur Zeit Jesu hatten sich mehrere Gruppen herauskristallisiert, die einen geistlichen Führungsanspruch hatten. Die einflussreichste war die Gruppe der Pharisäer (neben Sadduzäern, Esenern u.a.). Sie versuchten genau zu verstehen, was Gott will und wollten es dann gemeinsam mit dem ganzen Volk umzusetzen. Unabhängig von diesen Gruppen gab es Personen, die sich besonders gut in der Schrift auskannten. Solche Schriftgelehrte schlossen sich dann der Gruppe der Pharisäer oder Sadduzäer oder Esener an. In seiner Regierungserklärung sagt Jesus, dass die Gerechtigkeit größer sein muss, als die der Pharisäer…

Nach der Bergpredigt zieht Jesus durch das Land. Später bricht er in die Hauptstadt Jerusalem auf. Dort zieht er auf einem Esel sitzend ein und wird als Sohn Davids und König bejubelt. Jesus geht direkt in den Tempel. Er beansprucht auch dort Autorität zu haben. Er ist die geistliche Führung – was die Pharisäer natürlich hinterfragen. Dann kommt unser Text: Jesus rechnet mit der geistlichen Führung ab und wirft ihnen Machtmissbrauch vor. Der König redet über die Elite – aber nicht über den amtierenden König. Der interessiert ihn überhaupt nicht. Jesus redet über die Menschen, die meinen Israel geistlich zu führen. Ist das eine Art Machtkampf? Wen würde Jesus heute bei uns angreifen?

3 Autorität

Dann wandte sich Jesus an die Volksmenge und seine Jünger und sagte: „Die Schriftgelehrten und Pharisäer sitzen auf dem Lehrstuhl von Mose. Alles, was sie euch sagen, sollt ihr tun und befolgen.“ (Matthäus 23,1-3a) Jesus hat oft mit Pharisäern geredet. Hier redet er über sie. Keiner von uns ist nur Opfer. Jesus spricht mit den normalen Menschen darüber, welche Art von geistlicher Leiterschaft sie glauben und folgen sollten. Wie gehen die mit dir um, die meinen, dich geistlich lehren zu dürfen? Pharisäer und Schriftgelehrte sitzen auf dem Lehrstuhl von Mose. Sie haben damit die höchste Autorität und Macht.

4 Geistlicher Machtmissbrauch

Jesus fährt fort: Aber verhaltet euch nicht so, wie sie sich verhalten! Denn sie halten sich selbst nicht an das, was sie lehren: Sie binden schwere Lasten zusammen, die kaum zu tragen sind. Die legen sie den Menschen auf die Schulter. Aber sie selbst wollen keinen Finger krumm machen, um sie zu tragen. Alles, was sie tun, machen sie, damit sie von den Leuten gesehen werden. (Matthäus 23,3b-5)

Jesus beschreibt nichts anderes als geistlicher Machtmissbrauch. Geistlicher Machtmissbrauch heißt, dass sich jemand auf deine Kosten aufwertet und das mit einem geistlichen Anstrich. Religion wird zur Belastung. Jesus deckt auf wie versucht wird, geistlich zu leiten. Das Problem liegt an einem Titel und den damit verbundenen Anspruch. Diese Männer beanspruchen, dass andere ihnen folgen müssen. Jesus kommt als König. Der wahre Herrscher deckt die Abgründe der falschen Herrschaft auf. Dabei ist Jesus ungezähmt. Und das tut weh und das hinterfragt jeden, der meint, andere geistlich leiten zu können: Pastoren. Pfarrer. Älteste. Jeden von uns, der versucht, anderen ins Leben zu reden.

5 Über Jesu Hierarchie

Dann macht Jesus anders als erwartet weiter. Er hält keine Wahlrede und plädiert nicht für sich. Jesus redet darüber, wie du und ich uns verhalten sollen in der Gemeinschaft. In dieser Gemeinschaft gibt es keine Hierarchie zwischen uns: Aber ihr sollt euch nicht ›Rabbi‹ nennen lassen. Denn nur einer ist euer Lehrer, aber untereinander seid ihr alle Brüder und Schwestern. Ihr sollt auch keinen von euch hier auf der Erde ›Vater‹ nennen. Denn nur einer ist euer Vater: der Vater im Himmel. Ihr sollt euch auch nicht ›Lehrmeister‹ nennen lassen, denn nur einer ist euer Lehrmeister: Christus. Wer unter euch am größten ist, soll euer Diener sein. Wer sich selbst groß macht, wird von Gott niedrig und klein gemacht werden. Und wer sich selbst niedrig und klein macht, wird von Gott groß gemacht werden.« (Matthäus 23,8-12)

Jesus spricht drei Kategorien an: Bei einem Rabbi geht es um die Lehre. Rabbi meint intellektuell zu führen und die richtige Lehrmeinung zu haben. Mit einem Vater verbinden wir den, der sich um uns kümmert. Der Vater steht für die Führung, die dich versorgt. Meister ist ein Anführer, der uns den Weg weißt. Er ist eine Art politische Führung. Nichts von alldem steht uns zu. Diese Autoritäten stehen Gott zu. Geistlicher Machtmissbrauch hat also damit zu tun, dass jemand eine Autorität über uns meint zu haben. Mir wird schwindelig, wenn ich sehe wie Pastoren (Darf man sich Hirte nennen?), Gemeindeleiter und auch ganze Gemeinden sich aufspielen und über andere erheben. Passiert dieser geistliche Missbrauch nicht ständig? Es ist gut zu lehren. Aber welchen Anspruch verbindet jemand damit? Dass mir alle gehorchen müssen? Laut Jesus gibt es unter uns nur Brüder und Schwestern. Wir sind alle gleichwertig.

Dann verrät Jesus ein wesentliches Geheimnis: Wahre Größe können wir uns nicht nehmen. Sie kann uns nur verliehen werden. Wir versuchen uns gerne aufzuwerten, z.B. mit wichtigen Freunden. Jesus fordert uns heraus umzudenken. Wir sollen uns nicht groß machen, sondern klein. Wir sollen nicht den angesehenen Job anstreben, sondern den Diener. Und wir sollen darauf vertrauen, dass wir groß gemacht werden. Oder anders ausgedrückt: Du musst dich nicht aufwerten. Es wird gesehen, was du tust.

Jesus kreidet danach in 20 Versen den geistlichen Machtmissbrauch an: »Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer! Ihr Scheinheiligen! Denn ihr versperrt den Menschen den Weg zum Himmelreich. Ihr selbst geht nicht hinein und ihr hindert alle daran, die hineingehen wollen. (…) Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer! Ihr Scheinheiligen! Denn ihr reist über Land und Meer, um einen einzigen Anhänger zu gewinnen. Doch wenn er es geworden ist, dann habt ihr ihn auf den Weg in die Hölle geschickt: Er wird doppelt so schlimm wie ihr. (…) Wehe euch! Ihr wollt andere führen und seid selbst blind. (…) Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer! Ihr Scheinheiligen! Denn ihr gebt Gott sogar den zehnten Teil von Gewürzen wie Minze, Dill und Kümmel. Gleichzeitig beachtet ihr nicht, was im Gesetz viel wichtiger ist: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Glaube. Das solltet ihr aber tun, ohne das andere zu lassen. (…) Eine kleine Mücke fischt ihr aus dem Becher, aber Kamele trinkt ihr mit. (…) Becher und Schüsseln haltet ihr von außen sauber. Aber innen sind sie voller Gier und Selbstsucht. (…) Denn ihr seid wie Gräber, die frisch gekalkt sind: Von außen sehen sie gepflegt aus, aber innen sind sie voll von toten Knochen und Unreinem. So seid auch ihr: Von außen seht ihr aus wie Gerechte. Aber innen seid ihr voller Heuchelei und missachtet das Gesetz. (…) Macht nur so weiter wie eure Vorfahren! 33Ihr Schlangen mit eurem Gift! Wie wollt ihr der Höllenstrafe entkommen?« (Matthäus 23,13ff. in Auszügen)

6 Aussichten

Danach verlässt Jesus symbolisch den Tempel. Mit Jesus verlässt Gott diesen Ort. Geistlicher Machtmissbrauch wird dazu führen, dass ein geistliches Zentrum verödet. „Wie oft wollte ich deine Kinder um mich versammeln – wie eine Henne ihre Küken unter ihren Flügeln beschützt. Aber ihr habt nicht gewollt.“ (Matthäus 23,37) Wer ist „ihr“? Ich auch? Habe ich mich an die falschen Personen gehängt?Jesus ist nicht brav. Er ist ungezähmt und er geht die massiv an, die meinen, besonders geistlich zu sein. Man kann den Text kaum lesen, ohne sich selbst zu entdecken. Haben wir nicht auch oft genug viel geredet und wenig getan? Haben wir nicht Menschen Lasten aufgeladen und gemeint, die geistlich Richtigen zu sein? Gab es nicht oft genug frommes Gerede, aber keine Barmherzigkeit? Was Jesus sagt hat aber auch etwas tröstliches: Wer Menschen dient, wird darin nicht immer gesehen und geehrt. Wer dient nimmt darin sogar Nachteile in Kauf. Aber sei dir sicher: Du wirst gesehen. Wir können uns nicht selbst aufwerten, sondern wir werden aufgewertet. Du wirst gesehen.