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09.07.23 Heimat finden: Sammeln

Hier kannst du den Beitrag als pdf herunterladen: Rut 2_sammeln_AB

1 Was bisher geschah

Elimelech – sein Name bedeutet „Gott ist König“ – leidet unter einer Hungersnot. Er macht sich mit seiner Frau Noomi („die Süße“) und den beiden Söhnen Kiljon („Schwäche“) und Machlon („Krankheit“) auf den Weg. Sie ziehen in feindliches Land. Dort stirbt Elimelech. Noomi bleibt mit ihren beiden Söhnen alleine. Die heiraten moabitische Frauen. Dann sterben auch die beiden Söhne „Schwäche“ und „Krankheit“. Noomi bleibt mit ihren beiden Schwiegertöchtern Orpa („die den Rücken kehrende“) und Rut zurück. Noomi ist enttäuscht und fühlt sich von Gott beraubt und drangsaliert. Sie beschließt, als gebrochene Person wieder in ihre alte Heimat zurückzukehren. Rut kommt mit. Sie kehren gemeinsam zurück. Noomi als veränderter Mensch in ihre alte Heimat, Rut in ihrer neue. Um Heimat zu finden, müssen wir zurückkehren. Aber Heimat ist nicht hinten. Heimat ist nicht, dass alles wieder wird wie früher. Heimat ist vorne. Man kann auch an einen Ort zurückkehren, wo man noch nie war – aber es ist trotzdem der Ort, wohin man gehört. Am Schluss des ersten Kapitels steht ein kleines Hoffnungszeichen: Es ist Erntezeit. Ein Lichtblick.

2 Aufsammeln

In Kapitel 2 ist „aufsammeln“ das zentrale Stichwort. Noomi und Rut sind mittellos als Bettler in Betlehem angekommen. Zwei Frauen, die sich irgendwie über Wasser halten müssen. Noomi ist zwar in ihrer alten Heimat. Aber sie ist beraubt und gibt sich den Namen Mara („die Bittere“). Rut ist eine Fremde. Worin fühlst du dich beraubt oder fremd?

Rut blickt nach vorne. Sie möchte sammeln gehen. Ihre Schwiegermutter hat dafür keine Kraft mehr oder keine Lust. In Israel war es sozialen Härtefällen erlaubt, auf abgeernteten Feldern die Reste aufzusammeln. Das ist vielleicht vergleichbar damit, wenn wir heute Mülleimer nach Pfandflaschen durchsuchen. Es ist eine Möglichkeit, etwas zum Überleben zu finden. Sammeln heißt erstens: Sie fängt klein an mit winzigen Portionen. Hier ein Körnchen und dort ein Körnchen. Es dauert lange, bis man überhaupt etwas messbares in der Hand hat. Man muss sich äußerlich und innerlich bücken. Für Rut bedeutet sammeln zweitens, dass sie auf die Gunst anderer Menschen angewiesen ist. Sie ist nicht auf ihrem Feld. Sie hat auch nicht gesät. Drittens bedeutet sammeln für Rut, dass es gefährlich ist. Sie ist alleine und sie hat deshalb wenig Möglichkeiten, sich zu wehren. Heimat zu finden beginnt damit zu sammeln. Mühsam, gefährlich, auf fremden Feldern. Heimat zu finden ist anstrengend und beginnt klein. Heimat hängt an der Gunst anderer.

3 Herzenssprecher

Rut entscheidet sich aufsammeln zu gehen. Sie schaut, ob sie jemanden findet, der er ihr freundlich gesonnen ist. Wer ist das für dich?

Der Zufall lässt Rut auf das richtige Feld stoßen (Rut 2,3). Das richtige Feld ist es deshalb, weil es dem vermögenden Besitzer Boas gehört, der uns kurz vorher vorgestellt wird und der noch dazu ein Verwandter ihrer Schwiegermutter ist.

3.1 sehen

Boas entdeckt Rut und fragt seine Mitarbeiter, zu wem das „Mädchen“ gehört. Ganz leise klingt an, dass sich eine Liebesgeschichte anbahnt. Boas erfährt: Sie ist die Frau, die ihre Schwiegermutter begleitet hat. Sie hat Anstand. Und sie ist sehr fleißig. Boas zögert nicht lange, sondern er geht zu Rut und spricht sie an: „Hör auf mich, meine Tochter: Geh nicht auf ein anderes Feld, um Ähren aufzusammeln! Bleib hier bei meinen Arbeiterinnen! Gib acht, wo sie das Feld abernten, und geh hinter ihnen her! Ich habe den jungen Männern verboten, dich zu belästigen. Wenn du Durst hast, geh zu den Krügen dort! Trink das frische Wasser, das sie aus dem Brunnen schöpfen.“ (Rut 2,8+9)

Bei diesen Worten zeigt sich, wie gefährlich Rut lebt. Rut ist schutzlos ausgeliefert. Die Gefahr besteht, dass sie von Männern belästigt und missbraucht wird und ihr niemand hilft. Das liegt auch an der königslosen Situation in der entsprechenden Zeit. Boas bietet ihr Schutz. Das ist noch keine Heimat, aber schon mal ein Anfang.

Rut ist überrascht davon, wie freundlich Boas zu ihr ist. Wörtlich übersetzt sagt sie jetzt zu ihm: „Warum habe ich Gunst in deinen Augen gefunden, dass du mich betrachtest (anerkennst) obwohl ich fremd bin?“ (Rut 2,10) Er betrachtet sie! Das ist mehr als nur anschauen: das Gegenteil von ignoriert werden. Das ist ganz wichtig für einen Menschen, der nach Heimat sucht: Wer sieht mich? Es gibt kein Recht gesehen zu werden. Niemand muss das tun. Aber es geht einem das Herz auf. Warum sieht Boas Rut? Warum sehen wir Menschen manchmal nicht?

3.2 öffnen

Boas bleibt nicht bei dem, was er gehört hat. Er fängt an zu deuten und etwas zu sehen, was gar nicht sichtbar ist. Er sagt: „Der HERR tue dir Gutes für das, was du getan hast. Der HERR, der Gott Israels, soll dich reich belohnen. Zu ihm bist du gekommen, um unter seinen Flügeln Schutz zu finden.“ (Rut 2,12) Ist das so? Hat sie bei Gott Schutz gesucht, oder ist sie einfach nur ihrer Schwiegermutter treu geblieben? Boas öffnet eine Tür zu Gott. Vielleicht war das für Rut bisher gar kein großes Thema?

Unsere Geschichte ist eine Bekehrungsgeschichte. Rut findet zu Gott. Sie hat vorher an andere Götter geglaubt. Vielleicht war sie schon länger auf der Suche, vielleicht auch nicht. Sie lernt den Gott Israels kennen und kommt in seinen Einflussbereich. Sie zieht in das Land, in dem man an Jahwe glaubt. Boas behauptet, dass Rut bei Gott Zuflucht sucht, dass sie sich bei ihm bergen möchte, bei ihm Heimat findet. Ich könnte mir vorstellen: Rut ist nicht mit nach Israel gezogen, weil sie Gott kennenlernen wollte. Sie war nicht auf der Suche nach Gott – jedenfalls nicht in erster Linie. Aber sie lernt Gott kennen, weil sie jemand auf Gottes Schutz anspricht. Boas macht eine Tür auf. Ein Vorhang öffnet sich. Das tut nicht jemand, der auf Bekehrungsmission unterwegs ist. Sondern das macht ein Boas, von dem Rut sagt: Du hast mich gesehen. Wie sieht man einen Menschen? Indem man zuerst gar nichts behauptet, sondern nachfragt. Und indem man später deutet.

Die beiden unterhalten sich noch weiter. Boas lädt sie in die Kantine ein. Noch ist die Beziehung höflich förmlich, aber schon mehr als normal. Die Erntearbeiter weist er an, extra Getreide liegen zu lassen, damit Rut es aufsammeln kann. Boas lässt ihr die Freiheit. Aber er macht, dass es für sie leichter wird. Nach einem Tag hat sie schließlich 17kg Gerste gesammelt. Damit zeigt sie sich ihrer Schwiegermutter Noomi. Noomi versteht sofort, dass Rut Glück gehabt haben muss. Rut erzählt ihr von Boas und Rut schaut erleichtert auf. Scheinbar hat sie sich vorher viele Sorgen gemacht.

4 Fazit

Rut hört, dass sie bei Gott und in seinem Raum Heimat und Schutz finden kann. Dazu kommt es nur deshalb, weil Rut Raum findet. Boas schafft ihr Raum: Einen sicheren Ort, er sieht sie, er geht auf sie zu… Ein Mensch bekehrt sich deshalb, weil er einen Raum erlebt und ihm bewusst wird, dass Gott Raum schenkt. Zwischendurch sagt Rut zu Boas: „Mein Herr, ich danke dir, dass du so freundlich zu mir bist! Ja, du hast mich getröstet. Du hast dich um deine Magd gekümmert, obwohl ich keine von deinen Dienerinnen bin!“ (Rut 2,13) Wörtlich sagt Rut, dass er sie getröstet hat und zu ihrem Herzen geredet hat. Wir brauchen Herzenssprecher. Raum schaffen wir nur so, dass wir einen Menschen sehen: Nicht über jemanden reden, sondern mit jemandem. Sehen, was ein Mensch tut und anknüpfen. Nur solche Herzensgespräche werden Menschen dazu bringen, Heimat zu finden.

Boas hätte zurückschrecken können, weil Rut eine Moabiterin ist. Vor wem schrecken wir zurück? Er hätte sich von ihr distanzieren können, weil sie eine Gefahr darstellte, ihn vom Glauben abzubringen. Er hätte auch Noomi vor ihr warnen können. Sie hätten sie sogar des Landes verweisen können. Aber unsere Geschichte verläuft anders. Ich vermute, dass es viele gibt, die Heimat suchen. Ich vermute, dass es unausgesprochen eine Sehnsucht nach Gott gibt. Niemand will missioniert werden. Aber jeder will Raum finden. Ich vermute wir brauchen mehr Gespräch von Herz zu Herz. Wir brauchen tröstende Worte, die Raum schaffen.

Investiere dich in einen Menschen, der Heimat sucht. Schaffe Raum für diesen Menschen. Vergrößere seine Möglichkeiten. Oder fang an zu sammeln um selbst Heimat zu finden. Du wirst finden. Das verspricht Jesus. Suche, klopfe an, frage nach.

Der letzte Vers in unserem Kapitel lautet: „Rut blieb also bei den Arbeiterinnen des Boas. Sie sammelte Ähren, bis die Gerstenernte vorbei war. Auch noch während der Weizenernte tat sie das. Sie wohnte bei ihrer Schwiegermutter.“ (Rut 2,23)

Rut hat einen guten Ort gefunden. Für sie bedeutet das ein wenig Sicherheit. Aber das ist noch nicht das Ziel. Sie kann sammeln. Aber mehr passiert auch nicht mehr. Sie wohnt bei ihrer Schwiegermutter. Für immer? Ist das ihre letzte Heimat? Die Heimatsuche geht weiter.