| Predigt Handout

03.03.24 Gesunde Gemein[de]schaft

Hier kannst du den Beitrag als pdf herunterladen: Bileam_Num22-24_AB

1 Hauptsache gesund!?!

„Hauptsache gesund!“ hört man manchmal Menschen sagen. Auf der einen Seite mag ich den Satz überhaupt nicht: Ist es wirklich das allerwichtigste, gesund zu sein? Ist nicht viel wichtiger einen Sinn im Leben zu haben oder geliebt zu werden? Außerdem: Wer ist schon völlig gesund? Auf der anderen Seite: Ich bin lieber gesund als reich. Gesund zu sein ist mir wichtiger als materielle Güter. Gesundheit ist sehr wichtig und wohltuend. Wann ist eine Gemeinde gesund?

Heute denken wir über eine ungewöhnliche Segensgeschichte nach. Ungewöhnlich ist sie deshalb, weil ein weltbekannter und gleichzeitig seltsamer Typ segnet. Ungewöhnlich ist die Geschichte auch, weil dieser Typ nicht freiwillig segnet, sondern nicht anders kann. Ungewöhnlich ist die Geschichte drittens auch, weil Gott ein vollkommen überzogenes Liebesgedicht über sein Volk ausspricht. Die Gesundheit des Volkes hängt jedenfalls nicht daran, dass sie die Krankheitserreger erkennen und sich schützen. Sie kommt auch nicht daher, dass sie alles richtig machen. Gott liebt und segnet sie – ohne, dass sie es merken.

Im Zusammenhang wird eigentlich die Geschichte Israels erzählt. Aber dann taucht dieser befremdliche Typ mit Namen Bileam auf. Er verehrt Jahwe. Aber tut er das ernsthaft oder nur als Mittel zum Zweck? Woher kennt er ihn? Ist das nicht Israels Alleinstellungsmerkmal?

Bileam war offensichtlich eine bekannte Persönlichkeit zu seiner Zeit. Für Personen im AT findet man selten außerbiblische Hinweise (z.B. weder für David noch für Mose), aber von Bileam. Er war als Seher der Götter bekannt, eine Art Wahrsager. Er wird uns nicht näher vorgestellt. Plötzlich ist von Bileam die Rede und es scheint, als wüssten sofort alle Bescheid.

2 Der Wunsch nach der Zauberformel

Israel war seit einiger Zeit unterwegs auf dem Weg ins gelobte Land. Sie nähern sich dem eigentlichen Zielort, nämlich dem Land jenseits des Jordan. Auf dem Weg dorthin gab es schon die ersten gewaltsamen Auseinandersetzungen mit anderen Völkern. Israel hat sich behauptet und gesiegt. Eines der dort ansässigen Völker sind die Moabiter. Balak ist ihr König und er bekommt Angst. Israel scheint nicht aufzuhalten zu sein. Es ist eine Mischung aus Angst und Ekel, die der Bibeltext uns beschreibt. Er schaut in das Gesicht Israels und ihm wird flau im Magen. Dieses Volk versperrt ihm die Sicht, macht sich wie ein Geschwür breit. Balak beruft ein Leitungstreffen ein und bespricht sich mit der Führungsriege: „Dieser Haufen wird alles um uns herum fressen, so wie ein Ochse die Weide kahl frisst!“ (4. Mose 22,4) Wenn die fertig sind, ist alles braun und verbraucht.

Balak kommt nicht auf die Idee zu verhandeln. Er fragt nicht nach, wer diese Menschen sind und was sie wollen. Sie sind ihm nur ein Dorn im Auge. Wenn eine Gemeinschaft mit Angst und Ekel – also genau mit diesem Paar – auf etwas Neues reagiert, dann ist das eher ein Zeichen von Krankheit als von Gesundheit. Gesund ist es, genau hinzuschauen, nachzufragen, zu klären. Stattdessen hat Balak nur ein Gedanke: Dieser Haufe muss wieder weg. Ich muss das Volk irgendwie verjagen. Da kommt ihm ein Gedanke: Bileam. Balak muss nicht lange überlegen. Ihm ist völlig klar, wer helfen kann. Ein Fluch muss her – eine Art Krankheit.

Er lässt Bileam mit folgender Botschaft holen: »Ein Volk ist aus Ägypten hierhergekommen. Sie besetzen wirklich schon das ganze Land, so weit das Auge reicht. Sie haben sich ganz in meiner Nähe niedergelassen. Bitte komm her! Verfluche dieses Volk für mich! Denn es ist stärker als meines. Vielleicht kann ich es dann besiegen und aus dem Land vertreiben. Denn ich weiß: “Wen du segnest, der ist gesegnet. Und wen du verfluchst, der ist verflucht!” (4. Mose 22,5+6)

Fluch meint nicht nur ein paar übel klingende Worte. Sondern Segen und Flucht entscheidet über die Zukunft. Wer verflucht wird, ist dauerhaft krank. Balak spricht von Zauberei. Die Ältesten werden als Boten zu Bileam geschickt und in ihrer Hand haben sie einen Wahrsagerlohn.

Balak kann nicht offen und mit Vertrauen in die Zukunft gehen, sondern er will sie gerne manipulieren. Das ist der Geist, der ihn antreibt. Das ist die Lösung für seine Angst. Manchmal suchen auch Christen nach einer Art Zauberformel: Das richtige System, die richtige Gewichtung, der richtige Ansatz, damit Gemeinde wächst.

3 Eine Frage der Kontrolle

Moabitische Älteste kommen zu Bileam. Von dem Volk Israel scheint er bisher noch nicht gehört zu haben. Er schaut, was sich machen lässt. Israel weiß von all dem nichts. Bileam bittet die Männer um Geduld. Sie sollen eine Nacht bleiben. Und er ist sich sicher, dass Gott ihm Weisungen mitteilt. Er muss nur die Zeit haben, sich mit Gott zu treffen. Das passiert auch tatsächlich. Gott stellt ihm eine interessante Frage, noch bevor Bileam etwas sagen kann: „Wer sind diese Männer bei dir?“ (4. Mose 22,9) Diese Frage ist eine Kontrollfrage: Wen hast du in dein Haus gelassen? Bileam ist der bekannte Wahrsager, auf den alle setzen. Aber Gott kontrolliert. So redet die Bibel über diesen mächtigen Mann.

„Naja“, sagt Bileam etwas harmlos, „das sind halt ein paar Moabiter. Die wollen irgend so ein Volk verflucht haben, dass ihnen die Sicht versperrt.“ Dann macht Gott eine klare Ansage, die ist unglaublich wichtig. Gott sagt: „Geh nicht mit! Verfluche das Volk nicht; denn es ist gesegnet.“ (4. Mose 22,12). Damit wäre für Bileam alles gesagt. Das Volk soll leben. Es ist gewollt. Es ist gesegnet. Gott sagt, was Bileam zu tun und zu lassen hat. Ende der Diskussion. Hier bekommen wir einen wichtigen Hinweis auf das, was gesund macht: Segen. Wovon hängt der eigentlich ab?

Bileam versteht die Ansage. Aber akzeptiert er sie? Er schickt Balaks Jungs wieder nach Hause mit dem Hinweis, dass Jahwe sich geweigert hat Bileam mit ihnen gehen zu lassen. Interessant ist, was Bileam nicht sagt. Er sagt nicht, dass das Volk gesegnet ist. Er sagt nur: Jahwe will halt nicht. Jahwe ist ein bisschen bockig.

Die Boten gehen also ohne Bileam zurück. Zu Hause angekommen, berichten sie, warum Bileam nicht dabei ist. Aber Balak gibt nicht auf. Er setzt an: „So spricht Balak.“ (4. Mose 22,16) Diese kleine Redewendung ist nicht ganz unwichtig, denn sie ist eine typische Eröffnung dafür, wenn Jahwe redet: So spricht Jahwe. Balak pumpt sich sozusagen majestätisch mächtig auf. So spricht Balak. Er bietet Bileam mehr Geld und bedeutendere Boten und schickt sie wieder los. Doch Bileam macht der klar, dass er nur bei dem bleiben kann, was Jahwe sagt. Jahwe bestimmt, was passiert. Aber sie können ja noch einen Versuch starten. Mehr und mehr entpuppt sich Bileam als jemand, dem es ziemlich egal ist, was Gott sagt. Wichtig ist ihm nur, dass Gott redet und er damit sein Geld verdient und Macht bekommt. Es gibt eine Art von frommem Gerede, bei dem es nicht wirklich um Gott geht. Es geht darum, den Zauber zu finden und zu nutzen. Aber es geht nicht um Gottes Herz. Eigentlich war es völlig klar, was Gott will. Aber Bileam versucht es trotzdem noch einmal.

Und tatsächlich: Gott redet erneut und er fordert Bileam auf mit den Männer mitzugehen. Warum diese Sinnesänderung? Es wird noch komischer: Bileam geht mit und Gott wird sauer. Er schickt einen bewaffneten Engel, der sich Bileam in den Weg stellt. Der Engel hat den Auftrag, Bileam aufzuhalten oder standzuhalten. Warum wird Gott sauer? Hat er nicht gesagt, Bileam soll mitgehen? Diese ganze Geschichte hat das Ziel, öffentlich zu machen, dass Gott das Volk liebt und segnet. Der scheinbar so mächtige Bileam ist völlig von Jahwe abhängig und ist noch dazu blind. Selbst sein Esel sieht mehr als er. Denn als Bileam unterwegs ist, sieht er den Engel nicht und wundert sich, als sein Esel vom Weg abbiegt. Er, der große Gottesversteher hat einen Engel vor sich und merkt es nicht. Stattdessen prügelt Bileam auf seinen Esel ein, nichts ahnend, dass der ständig einem bewaffneten Engel ausweicht. Als es keinen Ausweg mehr gibt, legt der Esel sich einfach hin und Bileam tobt und schlägt. Dann fängt der Esel an zu reden. Das ist Satire. Bileam ist so doof und blind, dass ein Esel mit ihm reden muss. Etwas fadenscheinig reagiert der erschrockene Bileam und meint, er könne auch wieder zurückgehen. Was denn sonst, wenn ein Engel mit Schwert dich aufhält?

Der Engel schickt Bileam trotzdem weiter. Aber warum? Damit zeigt Gott zwei Dinge: Erstens treibt er auf die Spitze Israel gegen jeden Widerstand zu segnen und zweitens zeigt er, wer der Chef ist. Bileam soll zwar mitgehen, aber er soll nur sagen, was Gott ihm sagt – auch, wenn das nicht das ist, was Bileam gerne sagen würde. Gottes Worte sind schlecht fürs Geschäft von Bileam. Aber die Ansage ist klar: Bileam kann nicht anders. Gott hat die Kontrolle.

4 Eine Liebeserklärung

Bileam kommt also bei Balak an und sie beginnen eine religiöse Zeremonie. Sieben Altäre werden gebaut und Tiere geopfert. Irgendwie muss man halt versuchen, Gott auf seine Seite zu ziehen. Manches, was so schön religiös aussieht ist in Wahrheit ziemlich gottlos. Balak hat Bileam auf eine Anhöhe mitgenommen. Von dort kann er das Ende des Volkes sehen. Dann zieht sich Bileam zurück um auf Gott zu hören. Für sich alleine erklärt er Gott zunächst, dass er gerade einiges für ihn getan hat und schöne Tiere für Gott geopfert hat – so als wäre das entscheidend. Das muss Gott doch beeindrucken, oder? Was tun wir eigentlich Religiöses und warum tun wir das? Meinen wir Gott beeindrucken zu müssen mit tollen Opfern oder langen Gebeten? Vielleicht wollen wir manchmal gar nicht das, was Gott will, sondern wir wollen Gott davon überzeugen, zu wollen, was wir wollen.

Gott reagiert und er sagt Bileam was er sagen soll – was Bileam dann auch bei Balak tut: Aus Aram ließ mich Balak holen. Aus den Bergen im Osten rief Moabs König mich her: »Komm und verfluche Jakob für mich, komm und verwünsche Israel!« Warum soll ich dieses Volk verdammen, das nicht von Gott verdammt worden ist? Und warum soll ich es verfluchen, da es nicht vom Herrn verflucht worden ist? Vom Gipfel der Felsen aus sehe ich es, von den Hügeln hinunter betrachte ich Israel: Sie wohnen als Volk für sich allein und mischen sich nicht mit den andern. Wer kann die Nachkommen Jakobs zählen, wer zählt die Staubkörner Israels? Könnte ich doch sterben wie rechtschaffene Menschen! Wie bei ihnen soll mein Ende in Frieden sein. (2. Mose 23,7-10) Das ist eine Lobeshymne auf das Volk Israel: Rechtschaffen, ein Vorbild, die Guten; sie leben extra, sind unverfälscht, nicht verwässert, sondern klar und rein. Balak ist entsetzt. Er wollte den Fluch. Er wollte sie krank machen. Die Lage ist schlimmer als vorher. Deshalb schlägt Balak vor an einen anderen Ort zu gehen – an einen Ort, an dem man nur einen Teil von Israel sieht. Vielleicht klappt es von dort? Scheinbar meint Balak, dass das Problem in Bileam liegt.

Zweiter Versuch. Wieder Opfer. Wieder redet Gott und wieder muss Bileam auch so reden: Erhebe dich und hör mir zu, Balak! Pass nun gut auf, Sohn des Zippor! Gott ist kein Mann, also wird er nicht lügen. Gott ist kein Mensch, daher bereut er auch nichts. Hat er je etwas gesagt und es dann nicht getan? Hat er je was versprochen und es nicht gehalten? Gott gab mir den Auftrag, einen Segen zu sprechen. Wenn er mich segnen lässt, kann ich nicht verfluchen. Über Jakobs Volk sieht man kein Unheil kommen, man entdeckt kein Unglück in Israel. Der Herr, ihr Gott, ist mit diesem Volk, er ist ihr König, sie jubeln ihm zu. Aus Ägypten hat ihr Gott sie geführt, er kämpft für sie – stark wie ein Stier. Ja, es gibt keine Zauberei mehr in Jakobs Volk und keine Wahrsagerei mehr in Israel. Jetzt sagt man zu Jakob und Israel: »Welch große Dinge hat Gott getan!« Sieh, das Volk erhebt sich wie ein Löwe, es steht auf wie der König der Tiere: Es legt sich nicht hin, bis es Beute frisst und das Blut von Erschlagenen trinkt. (2. Mose 23,18-24)

Dieser Text ist ein Liebesgedicht. Gott beschreibt, wie wunderschön das Volk ist. Was für eine Grazie. Keine Zauberei. Keine Wahrsagerei, sondern Vertrauen. Ein Löwe. Nicht zu bändigen. Vom König angeleitet. Wunderschön. Sie jubeln dem zu, dem Jubel gebührt. Ich frage mich: Redet Gott von den gleichen Menschen, die vorher und nachher beschrieben werden? Redet er von diesem widerspenstigen Volk, dass ständig Ärger macht und lieber wieder nach Ägypten zurück will?

Unser Text verrät uns zwei wichtige Wahrheiten: Erstens ist Gott kein Spielball und keiner, der sich von uns kaufen lässt. Er macht sich nicht von gutem Aussehen oder viel Geld abhängig. Ihn beeindruckt es nicht, wenn sich jemand anbiedert. Wir lassen uns beeindrucken von tollen Geschichten, von Größe, von schönen Äußerlichkeiten, von wichtigen Menschen, von Titeln, von Menschen die scheinbar über Fluch und Segen verfügen. Gott nicht. Und all diese Äußerlichkeiten sind noch lange kein Anzeichen für Gesundheit.

Die zweite Wahrheit lautet: Gott liebt und segnet.

Balak macht noch einen dritten Versuch. Bileam geht noch einmal mit, aber er weiß schon, was kommt. Er gibt den Versuch auf zu zaubern. Er gibt sich damit ab, dass Jahwe segnet. Was sagt uns das?

Vielleicht finden wir eine Gemeinschaft zum Scheitern verurteilt. Vielleicht sehen wir alle Nachteile und Streitigkeiten. Vielleicht sehen wir die hässlichen Seiten. Vielleicht sehen wir die fehlende Hingabe. Wir sehen, wie dickköpfig Menschen sind und wie wenig sie sich in Bewegung setzen lassen. Vielleicht sind wir enttäuscht. Und vermutlich gibt es zerstörerische Kräfte.

Aber Gott sieht eine wunderschöne Gemeinschaft, an der sein Herz hängt und die er segnet. Gesund sein meint auch nicht, dass alles perfekt wäre, dass nichts zu bemängeln wäre. Gesundheit meint nicht, dass alle Krankheiten abwesend sind. Gesundheit meint, mit Gottes Augen zu sehen. Gesundheit meint, dass Gott ein unperfektes Volk sieht, liebt und segnet. Dem kann niemand widerstehen. Ist die Gemeinde gesund? Ist unsere Gemeinschaft gesund? Nach welchen Maßstäben beantwortest du diese Frage?

Gerhard von Rad hat ein Jahr vor seinem Tod über unsere Geschichte von Bileam gepredigt. Zum Schluss der Predigt sagt er: „Unser Predigttext hat uns heute zur Abwechslung einmal nicht zum christlichen Handeln aufgefordert, sondern nur dazu, daß wir ganz ruhig etwas Gutes, Heilendes an uns geschehen lassen. Auch dann wären wir angespannt beschäftigt. Wir würden die Augen dann ein wenig mehr aufmachen und die bleierne Langeweile, die auf vielen liegt, würde abfallen. Denn die Wirklichkeit unseres Lebens ist abgründig geheimnisvoll, und nie genug erkannte Segenskräfte tragen uns. Wir könnten ruhig auch einmal davon reden. Wo immer wir es uns in einer von Flüchen verpesteten Welt eben doch einmal wohl-sein lassen, wo immer wir in eine Freude eintreten, wo immer wir uns etwas Gutem anvertrauen, da leben wir doch schon auf Borg von dem Glauben an den Segen Bileams.” (https://jochenteuffel.com)

Mach die Augen auf und vertraue Gottes Segen.