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02.07.23 Heimat finden: Umkehren

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Ich bin ein Heimatsucher: Ein Gefühl von angekommen und am richtigen Platz sein. Zugehörigkeitsgefühl. Vertrautheit. Heimat ist nicht, dass alles wieder so ist wie früher. Im Gegenteil. Neu ist nötig. Heimat ist nicht hinten, sondern vorne. Der Titel des Buches von Stefanie Stahl „Das Kind in dir muss Heimat finden“ sagt: Wir müssen nicht nur an dem richtigen Ort sein, sondern unser Innenleben muss da ankommen, wo es hingehört und wo es sicher ist. Letztlich ist Heimat das, was beschrieben wird, als Gott die Menschen geschaffen hat. Adam findet seine Eva und ist begeistert, jemanden zu finden, die zu ihm passt. Und dann heißt es, dass sie nackt waren und sich nicht schämten (1. Mose 2). Ich möchte mich mit dir anhand einer Geschichte auf Heimatsuche begeben. Es ist die Geschichte von Rut, die ihre Heimat verlässt. Die Geschichte ist eine sehr weibliche Geschichte. Das Buch Rut ist auch eine Auseinandersetzung mit anderen Büchern in der Bibel, weil es eine andere Sichtweise zeigt. Und das Buch ist visionär. Es zeigt, wie jemand seinen Platz findet.

1 Unsicherheit

Unsere Geschichte beginnt mit folgendem einfachen Satz: „Es war zu der Zeit, als Richter in Israel regierten.“ (Rut 1,1) Sie wird also zeitlich einsortiert. Deshalb steht das Buch in unserer Bibel auch nach dem Buch Richter. Das ist in der hebräischen Bibel anders. Dort kommt Rut nach Hiob und Sprichwörtern. Hiob und Rut irritieren. Hiob, weil Gott sich auf eine Wette mit dem Satan einlässt und Hiob grundlos leiden muss. Rut, weil eine eigentlich böse und gefährliche Ausländerin zum Segen wird. Und unser Anfangssatz hat vielleicht einen ganz anderen Sinn: Er beschreibt eine Stimmung. Die Zeit der Richter war eine unruhige Zeit und eine Berg- und Talfahrt. Ganz am Ende vom Buch Richter wird das so zusammengefasst: „Damals gab es noch keinen König in Israel. Und so konnte jeder tun und lassen, was er wollte.“ (Richter 21,25) Niemand achtete darauf, dass Israel gemeinschaftlich handelt.

Der zweite Satz im Buch Rut lautet: „Wieder einmal herrschte Hunger im Land.“ (Rut 1,1) Existentielle Bedürfnisse können nicht befriedigt werden. Es macht nicht nur jeder, was er will, sondern es funktioniert auch nicht. Vielleicht war die Hungersnot selbst verschuldet, vielleicht war sie Schicksal. Das Buch Rut spielt in einer unsicheren Zeit. Elimelech und seine Familie machen sich auf den Weg. Der Name Elimelech bedeutet „Gott ist König“. Er ist der Mann mit der klaren Ausrichtung. Seine Frau heißt Noomi, übersetzt „die Süße, Liebenswerte, Liebliche.“ Auch hier scheint der Name Programm zu sein. Die Söhne heißen Kiljon – übersetzt Schwäche – und Machlon – übersetzt Krankheit. Keiner der Namen scheint unwichtig zu sein. Notgedrungen ziehen sie aus ihrer Heimat Betlehem fort. Not kann uns unserer Heimat berauben. Wo bist du zum Aufbruch gezwungen? Welche Not bedrängt dich?

Sie ziehen in ein feindliches Land. Moab ist ein rotes Tuch für Israel. Moab ist das Land, dass die Israeliten hat hängen lassen, als sie auf dem Weg von Ägypten nach Israel waren. Im Buch Nehemia wird beschrieben, dass einige Männer mit moabitischen und anderen ausländischen Frauen verheiratet waren. Nehemia ist geschockt und zieht die Männer zur Verantwortung, er verflucht sie, schlägt einige und anderen zieht er an den Haaren. Und dann hält er ihnen eine Standpauke und erklärt, welche schlechten Erfahrungen sie damit gemacht haben. Mindestens ein Mann wird fortgejagt. Was mit den anderen passiert, wird nicht berichtet. Ethisch ist für Nehemia klar: Lass dich niemals mit Moabitern ein. Im Buch Rut ist das anders. Elimelech zieht dorthin. Er sucht einen Unterschlupf in schwierigen Zeiten und den findet er dort. Kommt dir das bekannt vor? Wir können nicht dort bleiben, wo wir sind. Dafür gibt es viele Gründe: Dein Innenleben, Beziehungen oder das äußerliche Leben.

Die Familie Elimelechs (Gott ist König), wagt sich nach Moab. Aber Elimelech stirbt. Die beiden Söhne nehmen sich moabitische Frauen. Dabei müsste eigentlich jeder Jude nervös werden und die Alarmglocken müssten so laut schrillen, dass es weh tut. Anderen Bibelstellen zum Trotz wird das aber im Buch Rut nicht kommentiert. Nach ungefähr zehn Jahren sterben auch Noomis Söhne. Kinderlos. Nachdem Elimelech gestorben war, blieb Noomi mit ihren beiden Söhnen übrig. Jetzt bleibt Noomi mit ihren Schwiegertöchtern übrig. Sie ist in einem fremden Land mit fremden Menschen übrig. Das ist ein heimatloses Leben. Da ist niemand mehr, bei dem sie so richtig andocken kann. Sie ist an einem falschen Ort. Und es gibt keine Perspektive mehr für sie.

2 Zurückkehren

In jedem Kapitel von dem Buch Rut gibt es ein Wort, das ein Schlüsselwort ist und extrem oft auftaucht. In Kapitel 1 ist es das Wort „zurückkehren“. Noomi kehrt zurück. Sie macht sich auf den Weg in ihre Heimatstadt Betlehem. Es ist ihr Versuch, wenigstens ein Stück Leben zu finden und Gottes Hilfe zu erleben. Ihre beiden Schwiegertöchter Rut und Orpa kommen mit. Orpa bedeutet übrigens „die den Rücken kehrende“. Rut ist der einzige Name, bei dem nicht so richtig klar ist, was er bedeutet. Noomi kehrt zurück. Das ist logisch. Aber auch von Rut und Orpa heißt es, dass sie zurückkehren. Aber das tun sie ja gar nicht. Sie verlassen doch ihre Heimat? Wir können auch zurückkehren, ohne an den Ort zu gehen, wo wir herkommen. Heimat finden und zurückkehren bedeutet eben nicht, dass alles wird wie früher. Wir können auch anders zurückkehren – an einen neuen Ort – und trotzdem dort ankommen, wo wir eigentlich hingehören.

Irgendwann bleibt Noomi stehen. Sie fragt sich innerlich, was sie hier gerade tun. Und sie fordert Orpa und Rut auf, zurück zu ihrer Mutter zu gehen. Sie mögen an den für sie vertrauten Ort gehen. Und dann wünscht sie ihnen, dass Gott, Jahwe, der Gott Israels, diesen beiden Frauen einen Ruheplatz schenken möge. Heimat bedeutet zur Ruhe zu kommen. Keine langweilige, nichtssagende Ruhe, sondern eine entspannte Ruhe in der wir leistungsfähig sind. Gemeint ist ein Ort, an dem wir am richtigen Platz sind. Noomi gibt ihre beiden Schwiegertöchter frei. Sie befreit sie von dem Zwang, ihr beistehen zu müssen. Sie sollen ihr Leben leben. Ein Hoch auf Menschen, die anderen erlauben, ihre eigene Heimat zu suchen. Sie küsst sie. Sie weinen. Aber Orpa und Rut bleiben dabei: Wir wollen mit dir gehen. Zunächst. Aber Noomi ist nicht fertig. Sie redet ihnen erneut ins Gewissen. Jetzt spricht sie ihre Schwiegertöchter mit Töchter an. Sie redet als Mutter. Noomi erklärt ihnen: Mein Leben ist bitter. Das müsst ihr nicht mit mir aushalten.

Orpa geht.

Rut bleibt.

Noomi setzt ein drittes mal an und dann wird Rut deutlich: „Höre auf, in mich zu dringen.“ (Rut 1,16) Dann folgen wunderschöne Worte: „Wohin du gehst, dahin gehe auch ich. Und wo du bleibst, da bleibe auch ich. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott! Wo du stirbst, da will auch ich sterben, und da will ich auch begraben sein. Der Herr soll mir antun, was immer will! Nichts kann mich von dir trennen außer dem Tod.“ (Rut 1,16+17)

Die Sätze erinnern an eine Hochzeit, nur dass es keine ist. Nationalität, Ort, Religion – alles ordnet sie dem Menschen unter, alles stellt sie unter den Entschluss, ihrer Schwiegermutter treu zu bleiben. Ist das richtig? Warum tut Rut das? Ist sie eine Heimatsucherin? Stellt sie die Treue über ihren Wunsch nach Heimat? Oder vermutet sie, ihre wahre Heimat in Israel zu finden?

Von Rut heißt es, dass sie an Noomi klebte. Da wird das gleiche Wort gebraucht, wie bei Adam, als er seine Eva bekommt und die beiden verklebt werden. Was bedeutet es, wenn dir ein Mensch treu bleibt? Für welchen Menschen bist du dankbar?

Und ist Rut nicht eine böse Moabiterin, die die Gefahr in sich birgt, Israeliten von ihrem Glauben abzubringen? Stattdessen aber ist Rut ein leuchtendes Beispiel für einen treuen Menschen. Das Leben ist nicht schwarz-weiß.

Um Heimat zu finden, müssen wir aufbrechen, losgehen und zurückkehren. Treue wagen. Nicht zurückkehren, indem es wieder wird wie früher. Aber zurückkehren an den Ort, an den wir gehören. Wir brauchen Heimat. Dort zu bleiben, wo du jetzt bist, bedeutet: Es ändert sich nichts. In welchem Bereich hast du (oder wir) deine (unsere) Heimat noch nicht gefunden?

Als Noomi in Betlehem ankommt, sind alle ganz aufgeregt. Sie erkennen sie wieder. Aber Noomi ist nicht die gleiche. Sie bittet alle, sie ab sofort Mara zu nennen: „die Bittere“. Noomi bezeugt: Gott hat ihr übel mitgespielt. Der Allmächtige – also der, gegen den sich niemand wehren kann – der hat sie arm werden lassen. Sie ist voll losgezogen und leer hat Gott sie zurückkehren lassen. Er hat sie geleert. Ihr alles entzogen. Übel bei ihr angerichtet. Das ist Noomis ehrliches Resümee und ihre „Heimat“. Unser Kapitel endet allerdings mit einem hoffnungsvollen Satz. Keine riesige Hoffnung. Kein großer Wurf. Nichts, was alles ändert. Aber trotzdem ist es eine kleine, leise Hoffnung, die die Tür öffnet: „Als sie in Betlehem ankamen, hatte gerade die Gerstenernte begonnen.“ (Rut 1,22)

Kann es sein, dass Gott doch nicht so gegen sie ist? Kann es sein, dass das Blatt sich wendet? Kann es sein, dass Gott auf deiner Seite ist? Kann es sein, dass Gott dir doch Heimat schenkt? Kann es sein, dass es sich für dich lohnt, umzukehren? Bleib nicht stehen, sondern wage es, umzukehren! Suche Heimat.